Tag 23 - "Es fehlt hier das Frische"

Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann über seinen Contergan-Film "Eine einzige Tablette" und die Zukunft des Ruhrgebiets.

Heute sind wir in Dortmund-Hörde und besuchen einen, der das Ruhrgebiet richtig gut kennt. Einen, der in den Achtziger und Neunziger Jahren Filme über das Revier gedreht hat. Einen, der heute sagt: „Das Ruhrgebiet, das gibt es nicht mehr.“ 

Wir treffen Adolf Winkelmann. Der Regisseur empfängt uns im gepflegten Garten seines Einfamilienhauses. Er genießt die letzten Sonnenstrahlen – und die Ruhe vor dem Sturm. Der 61-Jährige startet gerade die Promotion-Tour für seinen neusten Film „Eine einzige Tablette“, der von einer Familie mit einem Contergan-geschädigten Kind handelt. Das Schlafmittel Contergan hatte in den Sechziger Jahren zu starken Missbildungen bei Tausenden von Neugeborenen geführt. Vergangene Woche hat Winkelmann den WDR-Zweiteiler in Hamburg und Berlin der Presse vorgestellt. Es folgen weitere Termine in Leipzig, Dresden, Frankfurt, München und Köln. 

Winkelmanns Film ist juristisch hart umkämpft. Die Pharmafirma Grünenthal, die Contergan 1957 auf den Markt brachte, sowie ein Anwalt, der sich in einer Person in dem Film wiedererkannt haben will, haben gegen die Ausstrahlung geklagt. 23 Verfahren haben sie angestrengt. Einer der Vorwürfe des Unternehmens lautet, dass der Filmemacher historische Realität und Fiktion "in unzulässiger Weise" vermische. Winkelmann pocht auf die Kunstfreiheit und betont: „Man sieht dem Film an, dass es sich um einen in der Wolle gefärbten, sortenreinen Spielfilm handelt.“ Anfang September hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass der Film am 7./8. November im ARD-Programm ausgestrahlt werden darf. Doch Winkelmann glaubt „es erst, wenn der Film wirklich gesendet ist.“

Nach dem ganzen Ärger mit dem Contergan-Film wäre es da nicht interessant, mal wieder einen Film über das Ruhrgebiet zu drehen? Sein letzter Pott-Film liegt immerhin 14 Jahre zurück. In „Die Nordkurve“ beschrieb der Dortmunder 24 Stunden Fußballalltag bei einem Heimspiel des fiktiven Revierclubs Union. Inzwischen hat es angefangen zu regnen, wir sitzen in seinem großen Büro im ersten Stock - und Winkelmann antwortet erst nach einigem Nachdenken auf unsere Frage. Nein, das wäre es nicht - und liefert die Begründung: „Ich finde hier nicht mehr das Frische, das mich interessiert.“

Das Ruhrgebiet, das er in seinen alten Filmen porträtiert habe, „das gibt es nicht mehr“. In dem 1979 gedrehten Film „Die Abfahrer“ erzählt Winkelmann die Geschichte der drei Arbeitslosen Atze, Lutz und Sulli aus Dortmund, in „Jede Menge Kohle“ aus den Jahren 1980/81 bricht der Bergmann Katlewski aus seinem bisherigen harten Leben aus und will das schnelle Geld machen.

Die Zeiten der Zechen und Hüttenwerke sind endgültig vorbei, die Zukunft des Ruhrgebiets sieht der langjährige Professor für Film an der Fachhochschule Dortmund düster. Auch ein Event wie die Kulturhauptstadt 2010 wird es nicht mehr richten. Diese Veranstaltung „ist eigentlich ein Abgesang, eine Beerdigungsveranstaltung.“ Wer wissen will, was Winkelmann über die Kulturmanager des Reviers denkt und warum er umgebaute Fabrikhallen nicht mehr sehen kann, der klickt auf den roten Button: 


Link: sevenload.com

(Die Filmausschnitte wurden mit freundlicher Genehmigung von Adolf Winkelmann verwendet.)

Ein weiterer Pott-Film ist also nicht in Arbeit. An welchem Projekt arbeitet Winkelmann denn dann? Ein Thriller wie „Der letzte Kurier“ oder ein Familienfilm wie „Engelchen flieg“? Das will der Regisseur zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Er verrät nur so viel: „Es könnte ein Kinderfilm werden.“

Kommentare:

weltkind schreibt am 03.10.2007 19:32:

zum ersten mal bin ich ein bisschen knatschig. ist mir n buesschn zu pr-ig. (der gepflegte garten im einfamilienhaus und so). herrn winkelmann heute noch einen "filmemacher" zu nennen, ist natuerlich etwas kuehn. er macht heute billigsten mainstream-auftragsarbeiten fuer die glotze, mehr nicht. jede menge kohle war ein klassiker und echt klasse (unvergessen und traenen gelacht: "es kommt der tag, da muss die saege saegen"). dieser contergan-schmonzes - trauriges ende eines einmal guten, der gefrustet ist. kannste vergessen.

Thomas schreibt am 03.10.2007 17:05:

Ja, ja, alles war früher besser. Das alte Revier, nääää, watt war dat toll. Schade, dass sich deutsche Künstler noch immer so wenig mit den Zusammenhängen in der Wirtschaft beschäftigen. Deshalb gibt es auch so wenige deutsche Filme und Theaterstücke, die sich mit dem wahren Leben und der aktuellen Realität auseinander setzen.

Joachim schreibt am 02.10.2007 18:44:

Ich finde, das ist mal was anderes. "Es steigt hoch ... und es fällt wieder runter. Das ist halt der Welten Lauf" (oder so ähnlich). Das ist doch ein tolles Zitat. Und so ist es nun mal. Mir sind solche Aussagen jedenfalls sehr sympathisch: Nur Kultur anstelle von Produktion oder einer anderen Form von Wertschöpfung wird es nicht bringen.

Ingo schreibt am 02.10.2007 13:22:

Gratuliere! Das ist doch mal ein toller Coup! Ein Interview mit Adolf Winkelmann. Und das noch passend zum traurigen Jubiläum "50 Jahre Contergan" und zur kommenden Ausstrahlung des Films - und wenn man dann noch die Nachrichtenlage verfolgt, dann scheint einzutreten, was Pharmaproduzent Grünenthal immer befürchtet hat - es ist eben kein Gras über die Sache gewachsen, die Geschädigten haben noch einen guten (?) Teil ihres Lebens vor sich und wollen sich nicht abfinden mit der Abfindung.

Was Winkelmann zum Ruhrgebiet sagt, ist mir zu negativ und zu rückwärtsgewandt. Da hätte ich mir mehr Perspektive und einen frischen Blick nach vor gewünscht. So düster sind die Aussichten nun wirklich nicht, Herr Winkelmann!

Regina schreibt am 02.10.2007 13:17:

Tja, das kann ja sein, dass das Ruhrgebiet in den 70ern "frischer,anders" war, da habe ich noch nicht hier gelebt. Klar, die Abfahrer sind Kult (by the way, wer hat Winkelmanns Filme gesehen? Und, Zweitfrage, wer kennt seine Filme und ist unter 30? Randbemerkung zum Therma was vorbei ist...) Ich lebe heute hier und gern und ich finde schon, dass das Ruhrgebiet heute noch anders ist. Was soll so toll gewesen sein daran, die Zeit des Zechensterbens mitbekommen zu haben? Damals hat doch kaum keiner daran geglaubt, dass hier nach dem Fallen aller Vorhänge überhaupt noch einer bleibt. Gut ich gebe Herrn Winkelmann recht, das Revier mit Kulturveranstaltungen aller Couleur zu garnieren, reicht nicht, Strukturpolitik muss m.E. her, Ideen und Jobs! Andererseits, die Idee mit der Kreativwirtschaft haben andere Regionen auch, das ist ein deutsches Problem: denn wir können nur noch Dienstleistung hier machen, Produktion funktioniert immer weniger. Letztlich ist das ist doch die Innensicht des Reviers. Im Rest der Republik ist sowieso noch nicht angekommen, dass hier keine Kohle mehr gefördert wird. Angesichts der Subventionsdiskussion rund um dem Börsengang der RAG, äh evonik, merkte man das doch: für viele ist das immer noch das Kohle- und Stahlland, das Subventionsmillarden verschlingt. Und zum Thema Identität: lieber lebe ich doch im Pott als im "Großraum Rhein-Main-Gebiet", bäh...........

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