Tag 19 - Sprechende Straßen

Eine selbsterklärende Siedlung: Weshalb das Museumskonzept von Eisenheim einzigartig ist.

Heute schauen wir uns nochmal in Oberhausen Osterfeld um – die Siedlung Eisenheim liegt auf der Route Industriekultur. Sie erzählt viele Geschichten – nicht nur die vom kreativ geführten Arbeiteraufstand gegen einen Konzern.

Wer durch das Viertel schlendert, kann an den Hauswänden befestigte Schilder studieren. Darauf ist das Leben der Leute dokumentiert, die die Werkskolonie geprägt haben. Und so erfährt man viel im Vorbeigehen – dank der Tafeln in den „sprechenden Straßen“ (so nennen die Museumsgestalter das Konzept): Über Oma Adamcak, den Bergmann Willi Wittke oder Anton Stoike, dem „100 Jährigen“, der 1881 in Westpreußen geboren wurde und kurz nach 1900 mit seiner Familie ins Ruhrgebiet übersiedelte. Oder, dass die türkischen Einwanderer-Familien, die in den 70ern nach Eisenheim kamen, doppelt so viele Kinder haben, wie die Deutschen.

Geschichte und Geschichten sind auf interessante Weise miteinander verknüpft und die blühende Gartenidylle mit den geduckten Backsteinhäuschen wird auf angenehme Weise zurechtgerückt. Denn ins Ruhrgebiet kamen schon immer die Ärmsten der Armen – Leute die Not litten und hofften, in der Bergbauregion eine Anstellung zu finden. 

1887 wurden beispielsweise auf Plakaten Arbeiter aus Masuren angeworben – ein Zimmer mit Stall und Garten kostete vier Mark monatlich. Ein Schmied im Hüttenwerk Oberhausen verdiente zu dieser Zeit 72 Pfennig die Stunde.

Und insofern erzählt Eisenheim die Geschichte einer mobilen Gesellschaft – angetrieben durch die Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert zieht jeder zweite Deutsche um – nicht nur innerhalb der eigenen Landesgrenzen: Zwischen 1846 und 1855 wandern 1,1 Millionen Menschen aus – in diesem Zeitraum sind ein Drittel aller Amerikaner deutscher Abstammung. Der Grund für die Wanderungsbewegungen ist einfach: Hunger.

Zur selben Zeit – um 1830 - entwickelt sich für die Menschen auf Brotsuche eine neue Möglichkeit, Arbeit zu finden. Zwei rivalisierende Unternehmerfamilien wetteifern um die Erschließung eines Marktes: den Kohle-Abbau. Es sind die Brüder Franz und Hugo Haniel sowie Mathias Stinnes. Statt des waagerechten Abtragens von Kohle in Stollen, wollen sie senkrecht Schächte in die Erde bohren. Stinnes gelingt 1842 als Erstem der technische Durchbruch. Und so beginnt „die Raumfahrt in die Erde“ – eine sehr treffende Bezeichnung, die zurückgeht auf den Zeichner Alfred Schmidt.

Über und unter Tage werden Arbeitsplätze geschaffen und der Direktor des Hüttenwerks Jacobi, Haniel & Huyssen (das 1873 in die Gutehoffnungshütte umgewandelt wird), Wilhelm Lueg, hat 1836 die Idee für eine Werkssiedlung in Eisenheim. Er möchte Meister für die Firma anwerben; die Eisenbahn befördert die boomende Wirtschaft mit weiteren Technologie-Sprüngen. Es herrscht Mangel an Fachleuten und an Wohnraum, und Lueg sieht die Chance durch die geschickte Verknüpfung der beiden Knappheits-Phänomene, das Problem zu lösen: Erst Häuser, dann Techniker. Heute nennt man sowas wohl eine „Win-win-Situation“.

Erst 1846 kann Lueg, übrigens der erste echte ‚Manager‘ wenn man so will (weil angestellt und familienfremd) den Plan in die Tat umsetzen. Zug um Zug wird die Siedlung errichtet: Erst die Meisterhäuser, dann in weiteren Bauabschnitten Häuser mit Wohnungen für die Bergleute.

Die waren für damalige Verhältnisse zum Teil echter Luxus: Durch den sogenannten Kreuz-Grundriss hatten die Parteien jeweils vier separate Eingänge und dadurch das Gefühl, ‚Hausbesitzer‘ zu sein. Vier Familien teilten sich ein Haus. Und natürlich herrschte für unsere heutige Wahrnehmung drangvolle Enge. Die Familien waren groß, acht Kinder keine Seltenheit. Aber Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche – waren für viele schon eine enorme Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse.

Die Wirtschaftskrise 1857 bringt die Konjunktur zum Erlahmen. In dieser Zeit steht auch die Bautätigkeit in Eisenheim still. Doch Franz Haniel erweist sich als echter Unternehmer: Er investiert in dieser Down-Phase, in der alle zugenähte Taschen haben, weiter in seine Firma und folgt dem Vorbild England: Haniel verbindet Kohleförderung und Hüttenwerk. Direkt neben der Zeche Oberhausen entstehen die Koks-Hochöfen der Eisenhütte I – und so ist er nach Ende der Krise wieder dick im Geschäft: Sein Werk ist das weitaus größte der 22 Fabriken im Ruhrgebiet.

Die Mietverträge seiner Mitarbeiter sind geschickterweise an die Arbeitsverträge gekoppelt. So wird das Abwerben extrem erschwert und die Fluktuation der Belegschaft liegt um 1900 statt bei allgemein üblichen 120 Prozent nur bei 7,5 Prozent.

Dies und viel mehr, lernt man über den Zusammenhang zwischen Zusammenleben und Arbeiten in Zeiten des Wandels, wenn man sich mit Eisenheim eingehender beschäftigt. Nachlesen kann man die Geschichte in dem Buch: Sprechende Straßen in Eisenheim von Janne und Roland Günter, das im Klartext Verlag erschienen ist. Zu Hause studieren ist gut - Hingehen ist noch besser! Denn in Eisenheim trifft man auch auf Modernes: Den blauen Turm vom Architekten Bernhard Küppers zum Beispiel, oder die "poetischen Orte" - das können Gedichte sein oder ein "Wald der Tauben-Häuser". Aber da hier nicht alles verraten werden soll, ist unser Rat: Gehen Sie hin und entdecken Sie selbst!

Kommentare:

Willi schreibt am 02.06.2008 09:37:

Hallo Annette,
vielen dank für die informationen.
Liebe grüße
Willi

Annette schreibt am 20.05.2008 18:23:

Hallo Willi,

in dem bereits oben erwähnten Buch "Sprechende Straßen in Eisenheim" steht auch was zu den früheren sozialen Strukturen in der Siedlung. Ganz allgemein über soziale Strukturen im Ruhrgebiet kannst Du Dich auf der Seite der Route Industriekultur beim Thema Geschichte informieren. Hier der Link: http://www.route-industriekultur.de....en/geschichte-und-kultur/

Viele Grüße, Annette

willi schreibt am 20.05.2008 11:38:

ich finde diese seite sehr informierend und anspruchsvoll. Alledings hätte ich noch einige Fragen. Wie war das soziale Leben und dessen strukturen früher in Eisenheim? ich bitte um antwort dankeschön

Norbert schreibt am 08.03.2008 02:14:

>> Dies und viel mehr, lernt man über den Zusammenhang zwischen Zusammenleben und Arbeiten in Zeiten des Wandels, wenn man sich mit Eisenheim eingehender beschäftigt.<<

Eisenheim, da war doch was...
Schnee von vorgestern?

Wie war das noch, wer baut heute was und für wen in Rumänien?

>> Jucu liegt in Siebenbürgen, 20 Kilometer hinter Cluj, auf Deutsch Klausenburg. Das Dorf hat 4200 Einwohner - bald sollen es 15.000 sein, sagt Pojar.<<
Zitat aus:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,529343,00.html

Profitmaximierung ist angesagt
Niemanden über die Hecke schauen lassen, er könnte einem ja die Suppe spucken
Solidarität?
Geschichte!
Die Wittke(s) und die Held(t)en von/aus Eisenheim?
Die Familien sind verwandt - sagt meine Verwandtschaft ;-)
Aus Eisenheim?
Nein, weiter zurück
Nein, nicht aus Siebenbügen...
Aus der Gegend um Bartenstein, Masuren/Ostpreußen und aus Groß Schwansfeld (heute Labednik in Polen)
Ganz dort in der Nähe von Groß Schwansfeld befand sich der kleine unbedeutende Ort Paßlack ;-)
Kennt man ja....

http://img442.imageshack.us/img442/1585/elisabethundjohannewittei8.jpg

Bingo?!
'Schach!' hätte W.W. gesagt ;-)

Roland Günter schreibt am 28.09.2007 11:23:

Was denn bitte für ein Löwe ? Antwort: Der Eisenheimer Bewohner Dieter Meter (Werrastraße 4) entdeckte auf einem Schrottplatz in einem alten Auto einen kleinen Löwen - im Sommer in einer Hitze, die die Wüste übertraf. Weil er ein gutes Herz hat, handelt er mit dem Besitzer,einem "Klüngelskerl" und schwatzt ihm endlich für 100 Mark (damals) das Tier ab. Er nimmt es auf den arm und setzt es in den alten Hühnerstall hinterm Haus am Wohnweg. Tag für Tag füttert er den kleinen Löwen - er wird größer - und macht für Eisenheim PR, denn die Journalisten, die kommen kriegen eine hübsche Geschichte. Eines Tages lesen die Leute der Wohnungsverwaltung das in einem berüchtigten Boulevard-Blatt - und fahren mit Blaulicht zur Siedlung, beschlagnahmen den Löwen und bringen ihn in eine Freigehege. Die Geschichte ist wahr. Jetzt kann man weitere Geschichten über den Löwen erfinden.

Katja schreibt am 27.09.2007 08:50:

Was denn bitteschön für ein Löwe???!!!

Ludger Wilp schreibt am 26.09.2007 19:02:

Eisenheim war gewiß kein Ort der Schönheit, wie so viele andere Ecken auch. Meine Schwiegermutter mußte jede Woche die Fenster putzen. Auch die Gardinen mußten öfter gewaschen werden als anderswo.
Die Zeche Osterfeld schien erst nachts den Dreck auszuwerfen, der sich tagsüber in den Filtern sammelte. Mein Schwiegervater erzählte mir oft von der Kokerei, seinem Arbeitsplatz. Er starb an den gesundheitlichen Folgeschäden.
Ruhpottromantik gibt es heute, damals war das Leben hart aber ungerecht.
Ich bin froh über den Wandel. Wir alle sind geformt durch das Ruhrgebiet und kaum jemand wird dem Pott freiwillig den Rücken kehren wollen, denn der Ruhrgebietler ist einzigartig.
Und das Ruhrrevier ist ein Dorf geblieben, fast überall.

Eine Frage beschäftigt mich noch heute. Wem gehörte der junge Löwe auf der Werrastraße(in den 80ern)??? :-o
*tratsch* ;-)

Ludger

Ingo schreibt am 26.09.2007 11:33:

Liebe Potteusen,

der Artikel über Eisenheim ist ein tolles Beispiel für Wandel in bestehenden Strukturen. Vielleicht kann Eisenheim auch ein Vorbild für Unternehmen sein, daß Wandel nicht mit dem Abriss kompletter Strukturen und dem Überbordwerfen alter Werte verbunden sein muss.

Weiter so!!! Ingo

Katja schreibt am 26.09.2007 09:35:

@FRanz Wiemann: Finde es für Schüler sehr geeignet. Man kann schließlich draußen rumlaufen und muss nicht durch ein Museumsgebäude latschen :-) Hier gibt's mehr Infos; auch über die Besichtigung eines Hauses von innen:

Museum Eisenheim
Strasse: Berliner Straße 10
PLZ Ort: 46117 Oberhausen
Telefon: 0208/85739281
Fax: 0208/8579122
E-Mail:
Homepage: http://www.oberhausen.de

Franz Wiemann schreibt am 26.09.2007 09:24:

Lohnt sich die Siedlung für Schulklassen-Trips? Vielleicht wäre eine Broschüre aufschlussreich für die Vorbereitung seitens des Lehrers. Habt Ihr Erfahrungen mit ganzen Klassen (etwa ab 14 Jahren aufwärts)?
Ich wäre dankbar für eine Benachrichtigung.
F.W.

Clarasang schreibt am 26.09.2007 08:57:

Ihr habt vergessen zu erwähnen
im Umkehrschluss bedeutete die Kopplung von Arbeits- und Mietvertrag bei einem Rauswurf für den Bergmann und seine Familie einen sofortigen Verlust der Wohnung. Brutale Sitten kein Job, kein Dach über dem Kopf. Nur, damit hier nicht der Eindruck aufkommt, die Zechenbetreiber hätten es immer nur gut mit ihren Leuten gemeint. Für die waren die 'Kumpel' menschliche Rammböcke für den Kohleabbau. Menschenmaterial wurde gnadenlos verheizt in den Bergwerken. Es gab ja genug schlecht ausgebildete Männer auf Arbeitssuche, die keine andere Wahl hatten, als in den Schacht zu kriechen. Es ist nur gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Auch wenn die Erfingung von 1-Euro-Jobs verdammt nah dran ist. Die interessante Frage für das Ruhrgebiet ist was kommt nicht was war. Wir können hier schliesslich kein Freizeitpark-Freilichtmuseum werden mit lauter Pott-Originalen als Statisten drin.

Kommentar schreiben:

Mit * markierte Felder sind erforderlich