Tag 18 - Geschichte von unten

Über die Rettung einer Siedlung, deren Utopie an der Moderne gescheitert ist.

Heute sind wir in Oberhausen. Genauer gesagt in Eisenheim, einer Siedlung, deren Ursprung auf das Jahr 1846 zurückgeht – geschichtsträchtiges Pflaster, 1972 in den Denkmal-Stand erhoben - als erste Arbeitersiedlung Deutschlands.

Die Geschichte von Eisenheim ist bewegt: Konjunkturwellen und Abrissbagger rollten durch die Kolonie. Dass heute alles ein bisschen so aussieht, als wäre die Zeit stehen geblieben, ist vor allem Roland Günter zu verdanken. Professor Doktor Günter, um korrekt zu sein. Kunst- und Kulturhistoriker und einst unter anderem Hochschullehrer an der FH Bielefeld. Heute, mit 71 Jahren, lebt er abwechselnd in der Nähe von Lucca (Italien), Eisenheim und Amsterdam. Und ist immer noch ein unermüdlicher Kämpfer, wenn es um erhaltenswerte Architektur geht (siehe Hans-Sachs-Haus, Gelsenkirchen) und zudem erster Vorsitzender des www.deutscherwerkbund-nw.de/Deutschen Werkbund e.V. NRW.

Ein Macher, sagen die einen. Ein Stänkerer, finden die anderen. Er selbst beschreibt sich als „kritischen Euphoriker – das gehört für mich unbedingt zusammen“.

Günter war es, der die Kolonie Eisenheim mit den dort lebenden Bewohnern (zumeist Bergleuten und kleinen Kaufleuten) vor dem Abriss rettete. Mit seinen Mitstreitern gründete er Anfang der 70er Jahre eine Bürgerinitiative. Gemeinsam stemmten sich die Eisenheimer gegen ein „Flächensanierungskonzept“ des Thyssen-Konzerns, dem die Wohnungen gehörten und setzten den Erhalt von 39 Häusern durch – nicht nur um der Häuser willen, sondern vor allem wegen der dort lebenden Menschen: Kameradschaft, Solidarität, gute Nachbarschaft – erhaltenswerte soziokulturelle Aspekte, die von einer Studie der Fachhochschule Bielefeld, an der Günter lehrte, wissenschaftlich gestützt wurden. Der hohe „soziale Wert“ der Kolonie wurde amtlich und trug wesentlich dazu bei, dass die erste Werkssiedlung des Reviers nicht der Abrissbirne zum Oper fiel. Heute ist von diesem Geist nicht mehr viel zu spüren.

„Sechs Jahre lang haben wir einen heroischen Kampf auf der Straße geführt“, berichtet Günter stolz über einen wichtigen Teil seines Lebenswerks. Anfang der 70er zog er samt Familie mit zwei Töchtern nach Eisenheim zur Hausbesetzung.

Was für ein Abenteuer! Eines, das Günters Verwandtschaft, gutsituierte Scharnierfabrikanten aus dem Westfälischen, gar nicht witzig fanden. Statt des vom Vater zur Hochzeit geschenkten „Herrenzimmers“, wünschte sich Günter „ein Bad mit Anschluss an die Kanalisation“. Denn damals gab es bei den meisten Häusern nur ein Plumpsklo im Hofgebäude.

Der Wochenzeitung „Die Zeit“ war das einen „großen Artikel wert“, wie Günter sagt. „Der Professor, der zu den Arbeitern zieht, das war eine tolle Story“. Und in der Tat hört sich die von ihm anekdotenreich erzählte Geschichte noch immer wunderbar an:

Gemeinsam warf man sich vor die Bagger von Thyssen (im bildlichen und übertragenen Sinne), versammelte sich im „Volkshaus“ und griff sich gegenseitig unter die Arme, wo es nur ging. Doch das ist 35 Jahre her.

Eisenheim ist heute noch immer bewohnt, äußerlich toll erhalten und wirklich schmuck: Eine Art lebendiges Freilichtmuseum mit 70 „sprechenden Tafeln“, die die Historie der Straßenzüge erzählen, vor allem aber die der Leute, die in den 60er und 70er Jahren dort gelebt haben. Ein besonders liebevoll hergerichtetes Stück Geschichte, was vor allem auf die Initiative Günters und seiner Frau Janne zurückzuführen ist.

Soviel zur Fassade. Eisenheim 2007 – das ist auch eine Siedlung, die stumm ist. Bewohnt von meist abweisenden Leuten, „die es gar nicht verdient haben, hier zu leben“, klagt Günter über seine Nachbarn. „Die Leute lassen die Hecken hochwuchern, damit sie niemanden sehen müssen und nicht gesehen werden, dabei ist Teil des Konzeptes eine kurze Hecke – denn nur die ist kommunikativ“.

„Die Mehrzahl der Menschen hier ist mit der Lektüre der Bild-Zeitung bereits überfordert“, sagt Günter. „Wo kommen wir hin in diesem Land, wenn heute schon 13jährige Hauptschüler als Berufswunsch „Hartz IV“ angeben? – und das sind noch die Intelligenteren, die überhaupt dazu in der Lage sind, das zu formulieren,“ fragt er.

Und zerknirscht räumt er ein, „dass es mir hier in über 30 Jahren nicht gelungen ist, die Menschen zum Lesen zu bringen – geschweige denn ins Theater.“ „Man sagt immer, ich sei der Anwalt der kleinen Leute. Aber ganz so einfach ist das nicht“, distanziert sich der Professor von seiner Nachbarschaft. Das klingt nach Enttäuschung. Macht die moderne Zeit aus den meisten Menschen interessenlose Wesen – oder war die Utopie, dass alle gleich sind in dieser Gemeinschaft der Ungleichen, von vornherein zu ambitioniert?

Sein Leben lang hat Günter dafür gekämpft, dass sich „Denkmalpflege“ nicht nur auf Burgen, Schlösser, Herrenhäuser beschränkt, sondern dass das Gedächtnis einer Nation auch die Historie der kleinen Leute einbeziehen muss. „Geschichte von unten“, war seine Maxime. Das Denkmal Eisenheim, so sagt er, „ist ein Ort, an dem man sich 150 Jahre zurück erinnern sollte, aber auch 150 Jahre vorausdenken muss.“ Und mit letzterem ist er – jedenfalls vorläufig – gescheitert. „Die Leute“, sagt er, „sind behäbig geworden. Die denken nicht an das große Ganze, oder an die Gemeinschaft. Die denken nur an sich.“

Wer mehr erfahren will über die spannende Entstehungsgeschichte von Eisenheim, der liest morgen weiter in „Eisenheim Teil II“ – hier bei uns auf pott2null.de

Kommentare:

Katja schreibt am 27.09.2007 07:55:

@F.-P. Gebbers: Ja, das stimmt, über Roland Günter könnte man sicher mehr schreiben. Es würde ganze Bände füllen! Mal gucken, was sich im Laufe unserer Tour noch so ergibt. Herzlichen Dank für den Hinweis! :-)

Frank-Peter Gebbers schreibt am 26.09.2007 20:05:

Über Roland Günter solltet Ihr mehr schreiben, er war immer einer der besten Chronisten des Lebens und der Architektur des Ruhrgebiets. Er hat so viele tolle Bücher geschrieben, mit so viel Liebe und Zuwendung. Was wäre z.B. mit einem Report über die Henkelmannbrücke in Oberhausen oder dem "Tal der Könige?

hubert schreibt am 25.09.2007 16:27:

verfolge laufend Eure Berichte,
habe schon sehr viel über den " Pott "
gelernt, was wir im Süden nicht wußten.
Mach weiter so Grüße vom " Bodensee "

Katja schreibt am 25.09.2007 10:12:

@Klaus G. : Das klingt ja sehr spannend! Vielleicht hätten Sie ja Lust, ein bisschen mehr über die "Eisenheim-Geschichte" ihrer Familie in den Kommentar zu schreiben?

Klaus G. schreibt am 25.09.2007 06:19:

es ist schon interessant,über Eisenheim zu lesen.Ich selbst bin gebürtiger Osterfelder-mein Vater ist 1925 auf der Berlinertrasse 18 geboren,meine Großeltern kamen Anfang 1900 aus Ostpreußen dort hin!

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