A40/Projekte Kulturhauptstadt - Picknick auf der Autobahn

Die Häuptlinge von Ruhr2010 schweben über den Dingen, während die Macher vor Ort ungeduldig auf Handfestes warten.

Der Wandel ist eine Schnecke. Wir stellen es immer wieder fest. Diesmal am Beispiel von „Ruhr 2010“. Irgendwie fielen uns dieser Tage die Bewerbungsunterlagen in die Hand, mit denen sich Essen um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2010 beworben hat. Unter dem Motto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ glänzen deutsch und englisch aufgelegte Broschüren mit opulenten Hochglanzfotos um die Wette, die beigelegte CD enthält einen aufwändig gemachten Imagefilm, der inzwischen auch im Internet kursiert – hier der Link zu Youtube.

Getreu dem Motto von Ruhr2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt („Wir müssen groß denken“) werden in den Katalogen Leit-, Infrastruktur- und Jahrhundertprojekte (!) aus der Taufe gehoben. Große Ambitionen – und wir fragen uns: Was ist bisher daraus geworden. Immerhin stammen die Folianten aus dem Jahr 2005.

Während 2010 mit Riesenschritten näher kommt, macht sich an der Basis nervöse Nörgelstimmung breit. Denn noch ist in Sachen Planung und Umsetzung nicht wirklich Konkretes am Horizont erkennbar. Nicht wenige, die sich Hoffnungen gemacht hatten, mit einem Projektvorschlag Gestaltungshoheit zu erlangen, werden offenbar abserviert (siehe dieser Beitrag bei den Ruhrbaronen).

Ärger auch an der Vermarktungsfront: Beim Trendkongress NRW vergangene Woche (Schwerpunktthema Tourismus) war man offiziell „dem Neuen auf der Spur“. Doch im Anschluss an die Konferenz erzählte Ruhrgebietstourismus-Fachfrau Monika Dombrowsky in einem Gespräch mit der Lokalzeit Ruhr, wie wenig handfest die Themen diskutiert worden seien. Stattdessen viel Theorie zur Entwicklung des Tourismus in NRW und anderswo. „Dabei warten die Veranstalter dringend auf konkrete Programmpunkte, die sie mit ihren Touren ansteuern können.“ Mit ihrer Einschätzung steht sie nicht allein.

Mit der Vermarktung muss baldmöglichst begonnen werden, für eine Reise ins Ruhrgebiet muss bei auswärtigen Gästen nach wie vor eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden. Das kostet Geld und Zeit. Leider ist Bochum nicht Bayreuth – auch wenn Ruhri-Optimisten die Jahrhunderthalle gern zum Ruhrgebietshügel stilisieren würden.

Nach einem Interview mit Scheytt über das geplante Programm (das offiziell im Herbst vorgestellt werden soll) rollte eine Entrüstungswelle durch die Kommentarfunktion von „Der Westen“:
„Fällt eigentlich niemandem auf (inklusive den Journalisten), dass uns seit Monaten nur immer das A40-Projekt verkauft wird? Dass mehr nicht verraten wird, klingt eher danach, dass man nicht mehr zu berichten hat“, schreibt unter anderem ein Anonymus.

Dabei hatte der Essener Kulturdezernent Scheytt nur noch einmal die schöne Vision von der Ausgestaltung einer „langen Tafel“ mit 60 000 Tischen auf der A40, die für den 18. Juli 2010 geplant ist, entworfen: „Wenn das mit der A40 gelingt, wird es eine Sensation. … Kegelclubs haben schon Tische bestellt…. Köln hat 1000 Tische reserviert… Das wird ein Feiertag, ein großes Gemeinschaftserlebnis. Und Fritz Pleitgen will mit einem Zeppelin da lang fahren und alles filmen.“

Ihr findet, das klingt nach Verarschung? Wir finden, das ist Realsatire pur und darum möchten wir allen Ungeduldigen zurufen: Wartet es einfach ab und verderbt Euch nicht in deutscher Gründlichkeit die Vorfreude auf ein rauschendes Fest! Es wird schon schief gehen – und schwacher Trost: Die Türken sind auch noch nicht weiter – siehe www.istanbul2010.org 

Wir haben schon einmal an der A40 Platz genommen und Probe gesessen - und wer wissen will, was wir da gesehen und erlebt haben, der klickt auf den roten Button und los geht’s:

 

Link: sevenload.com

Nachtrag am 29. April 2008:

A40 und kein Ende.... Jetzt äußert sich im Gespräch mit dem WAZ-Internet-Portal DerWesten auch Karl-Heinz Petzinka, einer der vier (!) künstlerischen Direktoren der Ruhr2010 GmbH: Er möchte die A40 auch über den Tag der langen Tafel im Juli 2010 hinaus zu einer Eventmeile machen. Die Autobahn soll zu einem "Prachtboulevard des Reviers" werden. Wieso eigentlich ausgerechnet die A40???? Es gibt doch im Ruhrgebiet echt schönere Ecken!

Und nachdem wegen der Erweiterung auf sechs Spuren ja zur Zeit erstmal alles abgeholzt wird, sind wir gespannt, wie das boulevardeske Ambiente hergezaubert werden soll. Kleiner Tipp von unserer Seite: Uns hat mal jemand von einer Aktion für eine künstliche Allee in China erzählt, da wurden einfach kahle Baumstämme ohne Wurzel in den Boden gerammt und 1000 kleine Chinesen haben Abermillionen grüner Plastikblätter an das künstliche Astgerippe geknüpft. Das wär doch mal ne echte AB-Maßnahme! Ansonsten haben die Ruhrbarone gesagt, was dazu zu sagen ist: "2010 macht gaga".

Und wir warten weiter gespannt auf weitere Leuchtturm-Projekte!