Dortmunder Nordstadt - Vom Adlon ins Armenhaus

Dortmunds Problemquartier Nordstadt  – oder: vom Versuch ein sozial schwaches Viertel umzudrehen.

„Das Image der Nordstadt ist hartnäckig schlecht“, stellt Sebastian Horbach nüchtern fest. Immer noch gilt besonders der Nordmarkt im Herzen des Dortmunder Stadtviertels als Treffpunkt für Alkohol- und Drogenabhängige.

Als wir uns im Viertel an einem regnerischen Vormittag näher umsehen, ist die am Park gelegene und auf Spirituosen aller Art spezialisierte Bude tatsächlich das meistfrequentierte Geschäft. Außerdem fällt auf, dass der Ausländeranteil hoch ist. Mitbürger türkischer Abstammung bevölkern das Marktgeschehen. Ein fröhliches Durcheinander aus unschlagbar billigem Obst und Gemüse, Glitzerstoffen und farbenfrohen Dessous. Offenbar lieben es die vordergründig schwer verhüllten Frauen untendrunter eher bunter.

Ausgerechnet hier – wo das Revier anatolischer kaum sein könnte – entsteht ein Stück moderner Architektur: Ein Eltern-Kind-Café mit Blumenbeet und Biergarten. Ein bisschen öko, ein bisschen schick. Auf jeden Fall hip: Denn hier sollen auch Baby-, Kinder- und Designmärkte für die Kreativwirtschaft stattfinden.

Ein kühnes Unterfangen, wie wir finden. Horbach findet das nicht. Er wird Pächter des Café Killefitt, das im Mai fertig gebaut sein soll. Der gebürtige Emsländer hat für sein junges Alter einen durchaus bewegten Lebenslauf. Noch vor ein paar Jahren hätte wohl am wenigsten er selbst damit gerechnet, dass ihn sein Lebensweg mitten in den sozialen Brennpunkt einer Ruhrgebiets-Großstadt führen würde. Doch im März 2007, als er an der Dortmunder Hotelfachschule seinen Hotelbetriebswirt gemacht hatte, entschloss er sich, bei einem Gründerwettbewerb ein Konzept für das geplante Stadtteilcafé einzureichen – und gewann.

(Fotos oben: Eindrücke von Markt und Park, Bauplatz vorher, Rohbau und Entwurf des Architekturbüros Wiemann).

Zuvor hatte seine Karriere in eine ganz andere Richtung gezeigt. 1997 bekam Horbach eine der heiß begehrten Lehrstellen als Hotelfachwirt im Berliner Luxushotel Adlon. Ein Foto von ihm – in Pagenuniform hektisch den roten Teppich kehrend als Vorbereitung für die Ankunft eines Staatsgastes - machte damals in der Lokalpresse der Hauptstadt die Runde. Eine Aufzuglänge lang mit George W. Bush nebst Bodyguards zu verbringen, war damals der vorläufige Höhepunkt der gerade begonnenen Steilfahrt nach oben, wie er lachend erzählt.

Nach der Ausbildung war das ebenfalls noble Amsterdamer Hotel Okura die nächste Station. Und so hätte es nach Abschluss des Studiums weiter gehen können – Paris, Rom, Tokio?! Nach der Ausbildung in den ersten Häusern Europas stand ihm die Welt offen.

Wenn, ja wenn Horbach nicht einstweilen Vater geworden wäre und entdeckt hätte, dass es im Leben Wichtigeres gibt, als der internationalen Prominenz die Tür aufzuhalten. Oder eben der Manager zu sein, der dafür sorgt, dass es den hohen Gästen an nichts fehlt.

Und insofern ist seine Rolle als Gastwirt im Armenhaus der Stadt nur folgerichtig. Und Horbach damit vielleicht ein gutes Beispiel für eine neue Generation Gestalter, die versucht das Beste aus den Umständen zu machen – anstatt das meiste für sich rauszuholen.

Als Chef des Killefitt wird er nicht nur für biologisch korrekte Küche sorgen, sondern auch für die Belebung des kleinen Parks mit besonderen Flohmärkten:

Die „Nordmärkte“ für Kinderkram, Trödel und Design sollen dem Platz ein besonderes Flair verleihen. Und natürlich wird er mit seinen Aktivitäten auch ein wenig „soziale Kontrolle“ über sein kleines Revier ausüben. Und dadurch mit dafür Sorge tragen, dass sich die Stimmung im eigentlich schönen Jugendstil-Viertel weiter verbessert.

Und einen kompletten Kaltstart muss er ja auch nicht hinlegen: Die Stadt Dortmund und das Land NRW haben schon etliche Maßnahmen ergriffen, den Ruf der Nordstadt „aufzuwerten“ und eine bessere Bevölkerungsmischung hinzukriegen. Unter Dortmunder Kreativstudenten gilt die Gegend schon länger als Geheimtipp fürs Ausgehen, Ausstellungen und Off-Kultur.

Ein praktischer „Kulturmeile“-Stadtteilführer mit Landkarte, in dem Galerien, Bars und Museen verzeichnet sind, erinnert verdächtig an das Berliner Pendant, das den Prenzlauer Berg verortet. Ein kleines Highlight sind die "Borsigplatz-Verführungen“: Rundgänge, auf denen man auf den Spuren des BVB wandelt oder die Fährte der Kunstszene im Dortmunder Hafen aufnimmt. Wir werden auf jeden Fall im Frühjahr einen machen. Lässt sich prima kombinieren mit einer Tasse Kaffee im Killefitt auf dem Nordmarkt. Doch bis zur Fertigstellung im Mai heißt es erstmal: Abwarten, Tee trinken und Daumen drücken, dass es sich für Horbach gelohnt hat, der großen, weiten Welt den Rücken zu kehren.