Doktor Stratmann - "Aus jeder Kaue wird ein Kulturzentrum gemacht"

Der Essener Kabarettist Ludger Stratmann spricht dem Volk aus dem Herzen und erklärt, was er vom Wandel des Ruhrgebietes hält. 

Wir müssen dieses Mal nicht auf Reisen gehen, das Ruhrgebietsorginal Ludger Stratmann kommt nach Düsseldorf. Er tritt am Abend im „Theater an der Kö“ mit seinem Programm „Machensichmafrei, bitte“ auf. Ausverkauft – wie die meisten seiner Vorstellungen. Das Publikum liebt das „heitere medizinische Kabarett“ des Doktor Stratmann. Der 59-Jährige, der bis 2002 als Allgemeinmediziner in Bottrop praktizierte, witzelt als Hypochonder Jupp über die Gebrechen und Marotten der kleinen Leute. Jupp ist ein „ehemaliger Extrakt aus 50 Patienten meiner Praxis“ und verkörpert den typischen Ruhrgebietsmenschen mit seinem Humor, der „immer ganz knapp an der Geschmacklosigkeit vorbei geht“, so Stratmann. Beispiel gefällig? Ein Behinderter mit nur noch einem Bein wird beispielweise - respektlos und liebevoll zugleich - Flamingo genannt.

Und auch in unserem Interview an einem Stehtisch im Foyer gibt sich Stratmann als einer, der weiß, was den „Ruhri“ in Altenessen oder Bottrop-Batenbrock so bewegt. Zum Beispiel, dass das „Flair des Ruhrgebietes sich wandelt und viele daran arbeiten, dass es ganz schnell geht.“ Das versteht der Herr Doktor – stellvertretend für viele - nicht so ganz: „Ich fand es schön, wie es früher war.“ Oder die Kulturhauptstadt 2010. An sich eine feine Sache, aber was daraus jetzt gemacht wird, kann Stratmann nicht nachvollziehen: „Aus jeder freien Kaue, in der ein Bergmann geduscht hat, ein Kulturzentrum zu machen, das finde ich doch reichlich übertrieben.“ Der Kabarettist hat den Eindruck, dass viele der kulturellen Projekte an den Interessen der Bevölkerung vorbeigehen – wie zum Beispiel die Zeche Zollverein in Essen, die in einem der ärmsten Viertel der Stadt steht und das Leben der Menschen dort nicht wirklich verändert hat: „Wie wollen sie den Menschen dort erklären, dass sie ihre Wäsche nicht mehr draußen aufhängen dürfen, nur weil sie jetzt neben einem Weltkulturerbe wohnen.“

Wer wissen will, warum es Stratmann von der Praxis auf die Kabarettbühne zog, der liest unten weiter. Wer erfahren möchte, was der Doktor von der Kulturschickeria und der Eventmanie im Revier hält, der klickt auf den roten Button: 


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Stratmanns Karriere war so nicht vorhersehbar. Als er zwölf Jahre alt war, schrieb ein Schulpsychologe in einem Gutachten: „Ludger eignet sich für einen Anlernberuf im Bauhandwerk.“ Die Schule fiel Stratmann schwer: „Ich galt als Spinner“, doch über Umwege schaffte der Junge aus einer zehnköpfigen Essener Familie doch das Abitur und ein Medizinstudium. Seine Praxis machte er in einem Bottroper Arbeiterviertel auf, wo er täglich bis zu 150 Patienten behandelte. Stratmann: „Ich liebe die Medizin, aber der Praxisalltag war schon ein hartes Brot.“ Viel Bürokratie mit dicken Abrechnungskatalogen, kaum Zeit für die Patienten – Stratmann fand das immer weniger befriedigend, besann sich auf sein kreatives Talent, startete Mitte der Neunziger Jahre mit dem Programm „Hauptsache, ich werde geholfen“ seine Laufbahn als Kabarettist und spielte sich den Frust über das Arztdasein von der Seele.

Zusammen mit seinem Bruder Christian kaufte er 1994 das ehemalige Amerikahaus am Kennedyplatz in Essen, baute es für rund 2,3 Millionen Euro zu "Stratmanns Theater" mit 300 Plätzen um – und startete seine dritte Karriere als Unternehmer. Seit vier Jahren führt der Doktor das Theater allein und lässt es von seinem Sohn Philipp managen. Im WDR hat er seit 2001 seine eigene Comedy-Show, Anfang März lief die 64. Folge. Ein Macher, der viel erreicht hat. Hat er noch einen Traum? Manchmal, da juckt es den Herrn Doktor die Politiker und andere Großkopferten auf die Schippe zu nehmen, doch er glaubt: „Politisches Kabarett, das ist nicht meine Welt.“ Und so will er noch bis zu seinem 65. Lebensjahr sein Publikum mit echten Pott-Sprüchen wie „Doktor, ich hab‘ Knie“ erfreuen.

Copyright Foto: Dr. Stratmann