Demographie - Das Labor der Republik

Was das Theaterstück „Blütenträume“ am Schauspiel Essen mit dem demographischen Wandel im Ruhrgebiet zu tun hat.

Heute sind wir in Essen, im Grillo-Theater und schauen uns das Stück „Blütenträume“ an. Ein wunderbares Schauspiel des zeitgenössischen Dramatikers Lutz Hübner über das Altern in unserer Zeit.

Im holzvertäfelten Seminarraum 211 der Volkshochschule treffen sich sieben Teilnehmer zum Flirtkurs „55 plus“. Bis auf die Maklerin Julia sind alle anderen Interessenten über 60 Jahre, also „Menschen in der nachberuflichen Lebensphase“. Und sie eint neben dem Alter noch etwas: Sie sind einsam. Da sind die Witwe Frieda, die jahrelang ihren an Alzheimer erkrankten Mann gepflegt hat, der verlassene Schuldirektor Friedrich, der seine Frau mit einer jüngeren Kollegin betrog, die Bibliothekarin Britta, deren Fernbeziehung gescheitert ist, der geschiedene Automechaniker Heinz. Sie sind der Querschnitt einer Generation, die immer länger lebt und die für die 20, 30 Jahre nach der Rente eine neue Perspektive sucht.

Es ist kein Zufall, dass Hübners Stück „Blütenträume“ - eine Auftragsarbeit für das Grillo-Theater - gerade in Essen uraufgeführt wurde. Einer Stadt, wo sich die demographischen Verschiebungen deutlich zeigen. Einer Stadt, wo schon heute rund 30 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt ist. Einer Stadt, wo in manchen Vierteln kaum noch Kinder auf der Straße sind, dafür aber umso mehr Ältere mit Gehhilfen.

Essen ist exemplarisch für das gesamte Ruhrgebiet: Die Bevölkerung schrumpft - und sie wird zugleich immer älter. Die Region zwischen Duisburg und Dortmund gilt denn auch als „Laboratorium des demographischen Wandels“, das der bundesweiten Entwicklung um 25 Jahre voraus ist. Zu diesem Ergebnis kam die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Studie „Demografischer Wandel“. Bis 2020 werden laut einer Prognose des Statistischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen die Einwohnerzahlen der meisten Städte des Ruhrgebietes um zehn Prozent schrumpfen – in Gelsenkirchen sind es sogar 13,2 Prozent und in Essen 11,8 Prozent. Und das Revier wird massiv vergreisen: Heute ist jeder vierte Einwohner über sechzig, in Zukunft wird es jeder Dritte sein.  

Auf der Essener Bühne geht es aber nicht um die wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Folgen des demographischen Wandels, sondern um die ganz persönlichen Konsequenzen für die Betroffenen. Und so mühen sich die Seminarteilnehmer an den Aufgaben des Dozenten Jan redlich ab: Sie sollen ihren Steckbrief in drei Worten fassen, sich beim so genannten Speed-Dating präsentieren, Verkaufstechniken lernen. Rührend die Szene, als Heinz sich beschreiben soll – und ihm nichts einfällt, außer das er Automechaniker und alleine ist. Die Senioren kommen mit Jans Methoden nicht klar und setzen ihn nach der dritten Stunde an die Luft. Sie feiern lieber eine Party bei Frieda zu Hause. Der Alkohol fließt – und zu später Stunde beschließen sie, eine "Kommune"  zu gründen.

Zum Glück leben Frieda, Heinz & Co. im Ruhrgebiet. Denn hier gibt es zahlreiche Modellversuche, wie ältere Menschen künftig wohnen können: Von der Senioren-Wohngemeinschaft bis hin zu - wie etwa in Castrop-Rauxel -  betreutem Wohnen für Demenzerkrankte. In Hattingen werden im Rahmen des Projektes "Smarter Wohnen NRW" technische Neuerungen rund ums Wohnen  erprobt - wie etwa, dass beim Verlassen der Wohnung alle Lichter und der Herd automatisch ausgeschaltet werden. Diese Beispiele sind auch gemeint, wenn vom Labor Ruhrgebiet die Rede ist.

Den Wandel als Chance begreifen: Früher als anderswo stellten und stellen sich die Kommunalpolitiker den Herausforderungen des demographischen Wandels.  Intensiver als anderswo erforschen die Wissenschaftler der Region die Zukunft des Alterns und der Seniorenwirtschaft in all ihren Facetten.  "Die demographischen Probleme qualifizieren das Ruhrgebiet als Modellregion, frühzeitig Lösungen zu entwickeln und den anderen damit einen Schritt voraus zu sein",  sagt Josef Hilbert, Leiter des Forschungsschwerpunkts Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität am Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen.   

Im Schauspiel "Blütenträume" haben die inzwischen nüchternen Alten dann doch Angst vor der eigenen Courage. Einer nach dem anderen steigt aus dem WG-Projekt wieder aus. Sie gehen allein oder zaghaft paarweise auseinander. Für alternative Visionen sind sie (noch) nicht bereit.  

Copyright Fotos: Diana Küster