Dieter Gorny - "Die Loveparade war ein richtig dicker Brocken"

Dieter Gorny im pott2null-Interview: Der künstlerische Direktor der Ruhr 2010 sagt, wie er die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet ankurbeln will und warum sich Berlin und das Revier so ähnlich sind.   

Heute sind wir in Essen, in der Zentrale der Kulturhauptstadt 2010. In einem gelben Haus am Stadtgarten wird das Programm für das Goßereignis in gut zwei Jahren vorbereitet. Wir treffen dort Dieter Gorny, einen der vier künstlerischen Direktoren. Er ist zuständig für die so genannte Kreativwirtschaft, also Industriezweige wie Mode, Musik, Film, Werbung, Design, Kunst oder Architektur. Der 54-Jährige hat sich in der Musikszene mit der Gründung der Musikmesse Popkomm und des Musiksenders Viva einen Namen gemacht hat.     

 

Herr Gorny, Sie sind bei der Kulturhauptstadt 2010 als künstlerischer Direktor für die Kreativwirtschaft zuständig. Wie entsteht bei Ihnen Kreativität? 

Ich habe Komposition studiert, bin also ein ausgebildeter Kreativer. Mein Kompositionslehrer sagte mir damals „mache nie jemand für die Ideen verantwortlich, die du selber nicht hast“ – ich muss einfach immer etwas Neues erfinden. Bei mir hatte das immer mit Musik zu tun, das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben: Von der Gründung des Rockbüros, der Musikmesse Popkomm bis hin zum Musiksender Viva. Heute arbeite ich etwas breiter, aber auch bei der kreativen Ökonomie ist die Musikwirtschaft elementar.

Kann man Kreativität denn lernen?

Gewisse Dinge kann man nicht lernen. Und ich warne auch immer wieder in der aktuellen Debatte davor, dass Kreativität auf Knopfdruck funktioniert. Kreative haben Spaß daran, Neues zu schaffen. Der Komponist Arnold Schönberg hat das mal so beschrieben: „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.“ Ich glaube aber schon, dass man das Handwerkszeug dafür lernen kann. Sie können den Menschen beibringen, Sensitivitäten und Wertigkeiten zu entwickeln, die in Zukunft immer wichtiger werden. Und da müssen sie schon im Kindergarten und in der Schule anfangen.

Dort läuft es aber – unter dem Druck der Pisa-Studie - gerade in die andere Richtung. 

Ja , leider. Wir trainieren jetzt Drill, Auswendiglernen und Mathematik – und alles was mit Sinnlichkeit, kreativer Erfahrung zu tun hat, fahren wir zurück.

Was empfehlen Sie?

Wer Kreativität wirklich fördern will, der muss bei der Bildung ansetzen und Bereiche wie zum Beispiel Musik und Kunst stärker betonen – nach dem Motto; Nicht nur lernen, sondern auch erfahren. Demzufolge ist nicht der Kindergarten mit großem Lernangebot wichtig sondern der Waldkindergarten. Und hier steckt auch das Dilemma des Themas Kreativwirtschaft: Wenn man es aufbricht, dann wird schnell klar, dass man etwas ändern muss.

Und das versuchen Sie jetzt im Rahmen von Ruhr 2010? 

Wir werden auch Modellprojekte zum Thema kulturelle Bildung auflegen, Details kann ich noch nicht nennen. Aber im Wesentlichen geht es bei Ruhr 2010 doch darum, eine nachhaltige Entwicklung anzustoßen. Sie müssen an inhaltlichen Knotenpunkten fünf, sechs große Steine ins Wasser werfen und darauf hoffen, das sie so viele Wellen erzeugen, dass das Ganze in Bewegung kommt. Dann können sie Kieselsteine hinterherwerfen.

War die Loveparade, die im September erstmals im Ruhrgebiet stattfand, so ein großer Stein?

Ja, das war ein richtig dicker Brocken, der Wellen geschlagen hat. Was ist da passiert? 1,2 Millionen Menschen sind nach Essen gekommen, in über 40 Ländern wurde darüber berichtet. Die Region hat erlebt, dass sie etwas kann, was ihr keiner zugetraut hat - und das schafft ein irrsinniges Selbstbewusstsein. Wir sind jetzt dabei, die sich absondernden Wellen genau zu analysieren. Die Loveparade ist der Nukleus für das Thema Musikwirtschaft.

Und die anderen Bereiche?

Ein nächster großer Stein könnte das Dortmunder U werden, wo wir ein Kreativquartier für Medien, Musik und Kunst errichten wollen. Ein anderer Stein, der schon rum liegt, ist die Zeche Zollverein mit dem Thema Design. Was die Filmwirtschaft angeht, da haben wir hier in Essen mit der Lichtburg, dem Glückauf-Haus und der Philharmonie eine Art Dreigestein.

Wie soll das alles vernetzt werden?

Sie brauchen oben drüber kommunikative Maßnahmen …

… die die Organisatoren der Kulturhauptstadt machen …

 ... so dass alle das Gefühl haben, wir sind eins. Und im Idealfall wird das Ganze nach einer kommunikativen Aufwühlphase von einem Strukturkonzept und Fördermaßnahmen begleitet.

Das hört sich ja alles prima an. Die Kreativwirtschaft soll hier im Ruhrgebiet einer der Jobmotoren der Zukunft sein. Doch wenn man sich die Struktur der Arbeitslosen in der Region anschaut, dann stellt sich die Frage: Wie viele davon sind für solche Jobs überhaupt qualifiziert?

Sie können diese Leute nicht auf Kreative umschulen. Aber wir führen hier ja keine Ist-, sondern eine Zukunftsdebatte. Es geht darum, was können junge Menschen heute lernen, wenn es Jobs in der Industrie bald nicht mehr gibt. Wir können die Attraktivität und auch die Ertragskraft der Region stärken, wenn wir – neben anderen Bereichen – auch die Kreativwirtschaft fördern. Es ist keine Diskussion, die in den nächsten drei Jahren die Menschen wieder in den Arbeitsprozess eingliedert, die ohnehin mangels Ausbildung Probleme haben.

Abseits von der klassischen Kultur gibt es im Ruhrgebiet ja viele Kreative, die nicht auf dem Radar der Stadtverwaltungen sind. Wie wollen Sie die denn in das Konzept Ruhr 2010 integrieren? 

Das ist in Tat sehr spannend. Wenn sie über die Kulturhauptstadt debattieren, dann reden sie in der Regel über öffentlich-rechtlich vorgehaltene Kultur. Dabei gibt es hier viele Kulturbereiche, die nicht subventioniert werden und tolle Projekte machen. Die sind „on the dark side of the moon“ und tauchten bislang in der Debatte kaum auf. Und alle sind jetzt ganz baff, was es da für eine Lebendigkeit gibt. Wir müssen den Mond drehen, sie auf die Lichtseite holen und uns um sie kümmern.

Wie attraktiv ist denn das Ruhrgebiet für die Kreativen und die so genannte digitale Bohème? Die residieren doch lieber im coolen Berlin. 

Das Ruhrgebiet als Metropole hat urbane Strukturen, und das zieht kreative Köpfe an. Wir müssen aber in der Tat versuchen, die Aufmerksamkeit für die Region weiter zu erhöhen - wie wir es beispielsweise mit der Loveparade geschafft haben. Das ist eine klassische Marketingaufgabe. Im Übrigen ähneln sind sich Berlin und das Ruhrgebiet – bis auf die Hauptstadtnummer – sehr. Sie sind ähnlich fraktal, gebrochen von den Leuten her und beide haben auch proletarische Elemente.

Sie leben seit über 40 Jahren im Ruhrgebiet. Wo liegt für Sie der Reiz der Region?

In der Grenzenlosigkeit. Sie können hinfahren, wo sie wollen und haben keine Stadtgrenzen mehr. Es ist ein riesiger – und wie ich finde – mit einer netten Bevölkerung versehener Gesamtklotz, indem sie alles finden, was sie brauchen. Hier gibt mehr Opern, mehr Bundesligavereine, mehr große Hallen als etwa in Berlin. Das müssen wir nur deutlicher herausstellen. Das ist, salopp formuliert, unser USP. 

Fotos: Bernd Thissen für pott2null. Das Copyright liegt bei Bernd Thissen