Eisenheim 2 - Sprechende Straßen

Eine selbsterklärende Siedlung: Weshalb das Museumskonzept von Eisenheim einzigartig ist.

Heute schauen wir uns nochmal in Oberhausen Osterfeld um – die Siedlung Eisenheim liegt auf der Route Industriekultur. Sie erzählt viele Geschichten – nicht nur die vom kreativ geführten Arbeiteraufstand gegen einen Konzern.

Wer durch das Viertel schlendert, kann an den Hauswänden befestigte Schilder studieren. Darauf ist das Leben der Leute dokumentiert, die die Werkskolonie geprägt haben. Und so erfährt man viel im Vorbeigehen – dank der Tafeln in den „sprechenden Straßen“ (so nennen die Museumsgestalter das Konzept): Über Oma Adamcak, den Bergmann Willi Wittke oder Anton Stoike, dem „100 Jährigen“, der 1881 in Westpreußen geboren wurde und kurz nach 1900 mit seiner Familie ins Ruhrgebiet übersiedelte. Oder, dass die türkischen Einwanderer-Familien, die in den 70ern nach Eisenheim kamen, doppelt so viele Kinder haben, wie die Deutschen.

Geschichte und Geschichten sind auf interessante Weise miteinander verknüpft und die blühende Gartenidylle mit den geduckten Backsteinhäuschen wird auf angenehme Weise zurechtgerückt. Denn ins Ruhrgebiet kamen schon immer die Ärmsten der Armen – Leute die Not litten und hofften, in der Bergbauregion eine Anstellung zu finden. 

1887 wurden beispielsweise auf Plakaten Arbeiter aus Masuren angeworben – ein Zimmer mit Stall und Garten kostete vier Mark monatlich. Ein Schmied im Hüttenwerk Oberhausen verdiente zu dieser Zeit 72 Pfennig die Stunde.

Und insofern erzählt Eisenheim die Geschichte einer mobilen Gesellschaft – angetrieben durch die Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert zieht jeder zweite Deutsche um – nicht nur innerhalb der eigenen Landesgrenzen: Zwischen 1846 und 1855 wandern 1,1 Millionen Menschen aus – in diesem Zeitraum sind ein Drittel aller Amerikaner deutscher Abstammung. Der Grund für die Wanderungsbewegungen ist einfach: Hunger.

Zur selben Zeit – um 1830 - entwickelt sich für die Menschen auf Brotsuche eine neue Möglichkeit, Arbeit zu finden. Zwei rivalisierende Unternehmerfamilien wetteifern um die Erschließung eines Marktes: den Kohle-Abbau. Es sind die Brüder Franz und Hugo Haniel sowie Mathias Stinnes. Statt des waagerechten Abtragens von Kohle in Stollen, wollen sie senkrecht Schächte in die Erde bohren. Stinnes gelingt 1842 als Erstem der technische Durchbruch. Und so beginnt „die Raumfahrt in die Erde“ – eine sehr treffende Bezeichnung, die zurückgeht auf den Zeichner Alfred Schmidt.

Über und unter Tage werden Arbeitsplätze geschaffen und der Direktor des Hüttenwerks Jacobi, Haniel & Huyssen (das 1873 in die Gutehoffnungshütte umgewandelt wird), Wilhelm Lueg, hat 1836 die Idee für eine Werkssiedlung in Eisenheim. Er möchte Meister für die Firma anwerben; die Eisenbahn befördert die boomende Wirtschaft mit weiteren Technologie-Sprüngen. Es herrscht Mangel an Fachleuten und an Wohnraum, und Lueg sieht die Chance durch die geschickte Verknüpfung der beiden Knappheits-Phänomene, das Problem zu lösen: Erst Häuser, dann Techniker. Heute nennt man sowas wohl eine „Win-win-Situation“.

Erst 1846 kann Lueg, übrigens der erste echte ‚Manager‘ wenn man so will (weil angestellt und familienfremd) den Plan in die Tat umsetzen. Zug um Zug wird die Siedlung errichtet: Erst die Meisterhäuser, dann in weiteren Bauabschnitten Häuser mit Wohnungen für die Bergleute.

Die waren für damalige Verhältnisse zum Teil echter Luxus: Durch den sogenannten Kreuz-Grundriss hatten die Parteien jeweils vier separate Eingänge und dadurch das Gefühl, ‚Hausbesitzer‘ zu sein. Vier Familien teilten sich ein Haus. Und natürlich herrschte für unsere heutige Wahrnehmung drangvolle Enge. Die Familien waren groß, acht Kinder keine Seltenheit. Aber Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche – waren für viele schon eine enorme Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse.

Die Wirtschaftskrise 1857 bringt die Konjunktur zum Erlahmen. In dieser Zeit steht auch die Bautätigkeit in Eisenheim still. Doch Franz Haniel erweist sich als echter Unternehmer: Er investiert in dieser Down-Phase, in der alle zugenähte Taschen haben, weiter in seine Firma und folgt dem Vorbild England: Haniel verbindet Kohleförderung und Hüttenwerk. Direkt neben der Zeche Oberhausen entstehen die Koks-Hochöfen der Eisenhütte I – und so ist er nach Ende der Krise wieder dick im Geschäft: Sein Werk ist das weitaus größte der 22 Fabriken im Ruhrgebiet.

Die Mietverträge seiner Mitarbeiter sind geschickterweise an die Arbeitsverträge gekoppelt. So wird das Abwerben extrem erschwert und die Fluktuation der Belegschaft liegt um 1900 statt bei allgemein üblichen 120 Prozent nur bei 7,5 Prozent.

Dies und viel mehr, lernt man über den Zusammenhang zwischen Zusammenleben und Arbeiten in Zeiten des Wandels, wenn man sich mit Eisenheim eingehender beschäftigt. Nachlesen kann man die Geschichte in dem Buch: Sprechende Straßen in Eisenheim von Janne und Roland Günter, das im Klartext Verlag erschienen ist. Zu Hause studieren ist gut - Hingehen ist noch besser! Denn in Eisenheim trifft man auch auf Modernes: Den blauen Turm vom Architekten Bernhard Küppers zum Beispiel, oder die "poetischen Orte" - das können Gedichte sein oder ein "Wald der Tauben-Häuser". Aber da hier nicht alles verraten werden soll, ist unser Rat: Gehen Sie hin und entdecken Sie selbst!