Lehmbruck-Museum - Documenta in Duisburg

Das Wilhelm Lehmbruck Museum ist eine Wundertüte künstlerischer Schaffenskraft.

Was ist Kunst? Das ist eine Frage, die Kunstschaffende geradezu hassen. Kunst erklären! Kann man das? Kunst erklärt sich selbst – Kunst ist nicht erklärbar – Kunst ist Kunst, so lauten die gängigen Antworten.

Also versuchen wir uns selbst an unserer ganz privaten Definition von Kunst: Kunst ist Anregung für den Intellekt, eine Provokation der Sinne, im besten Sinne verstörend. Kunst eröffnet neue Blickwinkel, erweitert den Horizont. Kunst regt an. Kunst regt auf. Der Besuch einer gelungenen Ausstellung ist wie eine frische Brise für das Gehirn.

An diesem grauen Dezembertag fegt uns ein Windstoß ins Lehmbruck Museum in Duisburg. Von draußen sehen wir die kinetischen Objekte von Jean Tinguely und lassen uns verführen.

Das Museum ist benannt nach einem berühmten Sohn der Stadt, dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. Bergmannskind aus Meiderich, geboren 1881. Seine anrührenden Skulpturen spiegeln seinen Lebensweg wider. Zu Beginn weiche Formen – eine liebende Mutter umsorgt ihr Kind. Bodenständige Musen lächeln in die Welt. Im Laufe der Zeit werden die Figuren höher, schlanker, zum Schluss eckiger, gebrochener. Lehmbruck formt die Mutter erneut, diesmal trägt sie harte Züge, genauso verhärmt sieht das Kind aus in ihrem Arm. Man sieht die Entwicklung und ahnt, dass das Leben des Künstlers nicht gut ausgeht: Bereits 1919 bringt sich Lehmbruck um. Eine schwere Depression lässt ihm die positive Weltsicht abhanden kommen.

Um sein Leben und Werk zu verstehen, zeigt das Museum einen kleinen Einführungsfilm über Lehmbruck, was wir an dieser Stelle unbedingt lobend hervorheben wollen. Denn nicht in allen Ausstellungs-Stätten, die wir besucht haben, wurde Kunst für den Laien so zugänglich gemacht.

Auch das Museum selbst ist sehenswert; Beton und Glas sind die dominierenden Werkstoffe, eckige und runde Formen bilden einen interessanten Konstrast. Gebaut wurde es übrigens von Lembrucks Sohn Manfred, einem berühmten Architekten.
Die eigentliche Überraschung der Sammlung ist allerdings nicht Lehmbrucks Werk, sondern die Mischung, die sich im Laufe des Rundgangs erschließt. Das Museum steckt voller moderner, zeitgenössischer Kunst. Es eröffnet sich eine Welt großer Namen und toller Überraschungen: Dan Flavin, Bruce Nauman, Mario Merz, Yves Netzhammer, John Davies, Duane Hanson – um nur einige wenige zu nennen.

Ein bisschen fühlt man sich wie auf der Documenta: Durch die Räume wandelnd entdecken wir Licht- und Video-Installationen, Himmelsstühle, Iglus sowie eine Galerie mit Expressionisten. Wobei diese Bilder mitten in dem Skulpturenparadies eine etwas stiefmütterliche Präsentation in einem unattraktiven Gang erfahren.

Ein wenig Kritik müssen wir auch an der aktuell laufenden Ausstellung von Objekten und Zeichnungen der Künstlerin Rachel Whiteread üben. Hier wird der Betrachter mal wieder komplett allein gelassen mit einem Stück moderner Kunst, das beim besten Willen nicht selbsterklärend ist.

Insgesamt aber ist das Fazit sehr positiv: Mit gut ausgelüftetem Gehirn und angeregten Sinnen verlassen wir nach zwei Stunden das Museum - und sind froh, dort gelandet zu sein.

Und nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich Duisburg am Philosophenweg im Innenhafen mit einer weiteren prachtvollen Sammlung moderner Kunst schmücken darf: dem Museum Küppersmühle. Die ist natürlich auch einen Besuch wert. Aktuell ist dort eine gerade eröffnete Immendorff-Retrospektive zu sehen. Aber Achtung wegen der Öffnungszeiten: Die Küppersmühle ist nur am Mittwoch, Donnerstag, Samstag und Sonntag geöffnet.