Katernberg 1 - Wo ist der Mob?

Als wir einmal losfuhren auf der Suche nach etwas ganz Hässlichem und positiv enttäuscht wurden.

Gute Ideen müssen schnell umgesetzt werden. Also los, los, ab nach Essen-Katernberg, denn das Weltkind hatte einen feinen Vorschlag: In einem Kommentar zu dieser Ausstellung und der sich anschließenden Diskussion um die Zukunft der Zollverein School of Management and Design schrieb sie, wir sollten uns …

„… die verrotteten Siedlungen in der Nachbarschaft (angucken d.Red.) - da seht ihr den wahren Essener Nachwuchs mit Migrationshintergrund; meist junge Männer in Rudeln.....fahrt mal mit der Linie 107, der \"Kulturstrassenbahn\", dort entlang; schön gestylte Menschen wie auf den sehr schönen Fotos (der Ausstellung d.Red.) habe ich hier auch noch nie gesehen.“

Das, dachten wir, ist doch mal ein interessanter Kontrast: Die durchgestylte Fiktion der Gelsenkirchener Bilderwelten gespiegelt mit der rauen Realität in Essens sozialem Brennpunkt – hohe Arbeitslosigkeit, hoher Ausländeranteil, hohe Schulabbrecherquote – so das gängige Klischee.

Und schließlich ist das Weltkind nicht die einzige Person, die uns gesagt hat, wir sollen uns mal an diesem Ort der Perspektivlosigkeit umsehen. „Da gibt es Ecken, da fährst Du besser nicht allein hin“, raunten uns Ruhrgebietskenner zu. „Slums, nicht zu sanieren“, wollte ein Bekannter gesehen haben, der in der Wohnungswirtschaft tätig ist. Der muss es ja wissen.

Und so fassen wir uns ein Löwenherz und wagen uns todesmutig mit der Linie 107 in die Gefahrenzone. In der Erwartung, in etwa sowas zu sehen wie hier (die Fotos stammen aus Duisburg-Meiderich):

 

Vielleicht hätten wir des nachts durch Katernberg fahren sollen und nicht mittags um 12 Uhr. Wir starten an der Haltestelle Zollverein Süd in Richtung Gelsenkirchen. In der Straßenbahn: Eine Multikulti-Mischung aus ganz normalen Leuten. Manche eher einfach gekleidet, der weitaus überwiegende Teil aber durchaus ordentlich. Niemand völlig vergammelt.

Katernberg Süd, Katernberger Markt – sicher; schön ist was anderes. Die ganz normale Tristesse an einem Regentag. In Düsseldorf Flingern, einem teils kultigen, teils abgerockten Stadtteil der Landeshauptstadt, sieht es nicht anders aus: Siedlungshäuser, stumpfe Nachkriegsbebauung, aber durchaus auch der ein oder andere Altbau mit frischem Anstrich. Der Kirchplatz durchaus ganz nett, wenn auch menschenleer. Der Optiker auf der Ecke mit herbstlicher Dekoration.

Wo ist der Mob, fragen wir uns? Ist es den von uns erwarteten marodierenden Jugendbanden zu nass? Wir fahren bis Gelsenkirchen Trabrennbahn und beschließen, umzudrehen. Auf der Rückfahrt steigen Hausfrauen mit Einkaufstaschen zu. Dann zwei Schülerinnen, eine deutsch, die andere südländisch, beide hübsch und aufgebrezelt. Herr Malinowski wäre begeistert gewesen und hätte sie bestimmt gern künstlerisch vermischt. Wir wollen sie fotografieren, aber vorher fragen – und schwupps – an der nächsten Haltestelle stürmen sie raus und sind uns entwischt. So bleiben wir den Fotobeweis schuldig. Wir fahren zurück bis zum Zollverein und machen uns noch einmal mit dem Auto auf den Weg, um entlegenere Winkel zu erforschen. Die Menschen, die uns über den Weg laufen, sind weder aggressiv noch verwahrlost. Die Wohnblocks: stereotyper Waschbeton und manche mit Renovierungsbedarf. Aber immerhin grün dazwischen – und nirgends ein „Slum“.

Uns fällt Walter Wüllenweber, ein Autor beim Stern, der über Katernberg geschrieben hat (und dem der Stadtteil vielleicht auch seine Bekanntheit als Armenstandort verdankt?). In einem Beitrag über neue Armut schreibt er: „Geld haben die Armen in Deutschland genug. Sie haben Spülmaschinen, Mikrowellenherde, die neuesten Handys, DVD-Spieler, die meisten mehrere Fernseher. … Hartz-IV-Empfänger verfügen über denselben materiellen Lebensstandard wie Facharbeiter in den 1970er Jahren. Wenn das Haben der Maßstab wäre, die Ausstattung mit Media-Markt-Schnickschnack oder die neuesten Klamotten… dann könnten wir uns zufrieden zurücklehnen. Dann wäre die ganze Diskussion über die Unterschicht überflüssig.“

Vielleicht also ist die Armut hier einfach nur gut kaschiert. Vielleicht aber hat sich in den letzten Jahren auch was getan in der Gegend. Angesichts der vielen Initiativen und Hilfsprojekte wäre es ja schön, wenn sich langsam etwas verändern würde. Wir nehmen letzteres an. Was wären wir schließlich ohne Optimismus?