Katernberg 2 - "Bild im Kopf"

Der evangelische Pfarrer Rainer Gertzen über das Leben und seine Arbeit in Essen-Katernberg.

Kein Beitrag auf pott2null ist so kontrovers diskutiert worden wie unsere Momentaufnahme in Essen-Katernberg. Liegt dort wirklich das „Tal der fliegenden Messer“ und kann man sich nachts nicht auf die Straße trauen? Oder ist es ein Stadtteil mit Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität, wo aber auch viel passiert, um den Alltag der rund 23 000 Einwohnern zu verbessern?

Wir machen uns nochmals auf in den Essener Norden - und besuchen einen, der es wissen muss. Rainer Gertzen wohnt mittendrin in Katernberg, in einem roten Backsteinhaus in der Nähe des Marktplatzes. Er kennt seit 2002 den Stadtteil „mit besonderem Erneuerungsbedarf“, wie es offiziell heißt. Seit rund zweieinhalb Jahren hat er eine der drei Pfarrstellen der Evangelischen Kirchengemeinde Katernberg inne und ist für die Kirche am Markt verantwortlich. Die Evangelische Kirchengemeinde ist einer der Träger des Stadtteilprojekts und engagiert sich sehr stark, u.a. mit zwei Kindergärten, zwei Jugendhäusern, dem Stadtteilzentrum Kon-takt und zahlreichen Gruppen für Ältere, Frauen oder Kinder.

Der Theologe hat die Debatte auf unserer Seite verfolgt und meint, dass es in der Öffentlichkeit ein „Bild im Kopf“ über Katernberg gebe, das nicht der Wirklichkeit entspreche. Er beispielsweise habe hier abends oder nachts auf den Straßen keine Angst. Gertzen will beim Thema Kriminalität nichts beschönigen, es komme schon mal zu einer Messerstecherei im Bus oder es prallen bestimmte Szenen aufeinander. Aber er verweist auf vorbildliche Präventionsprojekte der örtlichen Polizei. So arbeitet diese etwa eng mit dem Imam der türkischen Ayasofya-Moschee zusammen. Seit dieser Kooperation ist die Jugendkriminalität im Stadtteil deutlich gesunken. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte den Artikel „Eine ungewöhnliche Partnerschaft“ einer Kollegin der Deutschen Welle lesen.

Gertzen sieht die Dinge in Katernberg auf „einem guten Weg“: „Hier ist in den vergangenen 15 Jahren viel passiert.“ Gerade im Rahmen des Stadtteilprojekts arbeiten die unterschiedlichsten Gruppen und Initiativen zusammen – und bieten etwa Hausaufgabenhilfe, Schuldnerberatung, Elternschulungen oder eine Kleiderkammer an. Doch er meint auch: „Hier muss man immer am Ball bleiben und investieren, sonst kann sich das wieder drehen.“

In seiner Arbeit setzt der Theologe auf Begegnungen: „Wer sich mit anderen Menschen trifft, der verändert seine Sichtweise auf diese.“ Das Gemeindezentrum teilt sich mit Kon-takt ein Gebäude, im Café begegnen sich Gemeindemitglieder, türkische Frauen und Ratsuchende zu Kaffee und Kuchen. Er selber pflegt den interreligiösen Dialog mit seinen muslimischen Kollegen. Zusammen mit dem Imam und dem katholischen Pfarrer veranstaltet er an der städtischen Grundschule in der Viktoriastraße Schulgottesdienste. Oder am Tag des Dialogs im Oktober trafen sich Katernberger aus allen Altersgruppen sowie verschiedener Nationalitäten zum Gespräch. „Es sind die kleinen Schritte, die etwas bewegen“, glaubt Gertzen.

Der engagierte Pfarrer sieht viel Elend und soziale Verwahrlosung in seiner Gemeinde, doch - anders als der Stern-Journalist Walter Wüllenweber in seinem Beitrag „Das wahre Elend“ über Essen-Katernberg – ist er nicht der Auffassung, dass die Armen ausreichend Geld haben und es ihnen nur an Bildung fehlt: „Einfach hier mal einfliegen und berichten, das wird der Situation vor Ort nicht gerecht.“ Nur wer genügend Geld habe, so Gertzen, investiere auch in die Bildung seiner Kinder. Als Pfarrer geht es ihm aber auch darum, gegen die geistige Verarmung im Stadtteil anzukämpfen: "Als Kirche haben wir den Auftrag, dem Leben dieser Menschen wieder eine geistliche oder religiöse Dimension zu geben."