Kohlenhändler - Einer der letzten seines Berufstandes

Wie ein Kohlenhändler aus Duisburg versucht, in einem schrumpfenden Markt zu überleben - und jetzt aufgrund der steigenden Öl- und Gaspreise neue Hoffnung schöpft. 

„Anthrazit, so hieß auch eine Kohleart, die teuerste damals, und wer kann das Wort hören, ohne an die Haufen zu denken, die an manchen Nachmittagen vor den Kellerfenstern der verschneiten Siedlung lagen. Dann war die Enttäuschung groß, und man verstand plötzlich, warum man so wenig Schulaufgaben bekommen hatte. Dann gab es nur Butterbrote oder Linsensuppe, und anschließend wurden Eimer geschleppt bis in die Dunkelheit hinein. Knochenarbeit.“ So beschreibt der Schriftsteller Ralf Rothmann in seinem Roman „Milch und Kohle“ die Kindheit des Ich-Erzählers Simon in den Sechziger Jahren im Ruhrgebiet.

 

Die Sechziger Jahre, als die Kokshaufen noch vor jeder Tür lagen, die gehörten für die Kohlenhändler im Revier zu den besten Zeiten. „Damals hatte unser Betrieb 120 Mitarbeiter, heute haben wir noch 20 Leute“, sagt KFK-Geschäftsführer Hugo Wietfeld. Das Kohlen- und Frachtenkontor in Duisburg-Meiderich ist einer der letzten klassischen Kohlenhändler in der Region.

Vor 40 Jahren leitete Wietfelds Vater die Geschäfte, und die Kohle kam aus den Zechen der Umgebung. Heute liefert Wietfeld seinen Kunden Importkohle aus Polen, Tschechien und Russland.

KFK hat den Strukturwandel im Ruhrgebiet hautnah miterlebt. „Mit dem Sterben der Zechen wurde auch der Niedergang des traditionellen Kohlenhandels eingeläutet“, sagt der 45-Jährige. In den Siebzigern bescherte der Aufstieg des Erdöls der Branche zusätzliche Probleme. Die Neunziger sorgten mit dem Fall der Mauer und den Kohleheizungen in Ostdeutschland kurzzeitig für florierende Geschäfte. Doch jetzt, meint Wietfeld, „sind wir an einem Wendepunkt: Es geht nur noch abwärts.“

Auf dem Hof der KFK im Duisburger Norden liegen mehrere Halden voller Kohle. Zwei stämmige Mitarbeiter packen die lose Kohle in alte Kaffeesäcke und verstauen sie auf einem grünen Kleinlaster. Gleich geht es los zur nächsten Fuhre. 300 bis 400 Säcke schleppen sie pro Tag in die Keller der privaten Kunden. Knochenarbeit eben.

Doch es gibt immer weniger Abnehmer für die früher als schwarzes Gold verklärte Kohle. KFK verliert im Geschäft mit den Privathaushalten jedes Jahr zehn Prozent seiner Kunden. „Nur noch alte Leute und ausländische Mitbürger heizen mit Kohle“, sagt Wietfeld, „es gibt zwar keine billigere Heizung als Kohle, aber es ist eben mit Dreck und Arbeit verbunden.“ Und so kommen keine neuen Kunden mehr nach. Im Großhandel, wo KFK mittelständische Betriebe wie Gärtnereien beliefert, machen inzwischen die Großen wie die RAG, seit kurzem in Evonik umbenannt, Konkurrenz.

 

Das Duisburger Unternehmen profitiert derzeit einzig von dem Umstand, dass immer mehr Kohlenhändler aufhören und KFK deren Kunden teilweise übernehmen kann. „In Mülheim gab es früher 25 Kohlehändler, heute sind wir da konkurrenzlos“, sagt der KFK-Chef. Inzwischen hat das Unternehmen seinen Radius auch auf die benachbarten Städte wie Essen ausgeweitet.

Und wo sieht KFK in einem solch schrumpfenden Markt seine Zukunft? Hugo Wietfeld hält länger inne und anwortet dann: „Diese Frage stellen wir uns immer wieder. Wir sind ständig auf der Suche nach artverwandten Geschäften, nach einem zweiten Standbein,.“ Der Unternehmer im dunkelblauen Sakko und kariertem Hemd hat in der Vergangenheit schon einiges ausprobiert. Mal hat KFK sich im Brennstoffhandel, mal im Gerüstbau versucht. Heute führt Wietfeld nebenbei eine kleine Spedition mit zehn Fahrzeugen, mit der er Umfuhren für andere Betriebe im Revier macht. Zudem hat er sein Angebot um Nischenprodukte wie Holzpellets erweitert, um so am aktuellen Kamin-Boom teilzuhaben. Und zur Zeit denkt er darüber nach, „in Richtung Dienstleistung“ zu expandieren.

Wietfeld lässt sich nicht unterkriegen. Seit 50 Jahren besteht KFK schon - und sein Vater und er haben immer eine Lösung für die Probleme gefunden. Dass er an seine Zukunft glaubt, beweist die Tatsache, dass er vor einem Jahr seinen Sohn, einen gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann, in den Betrieb geholt hat. „Wir sind zwar klein, aber schnell und flexibel“, beschreibt Wietfeld den Trumpf seiner Firma.

Nachtrag / 10.4.2008 :

Die Preise von Gas und Öl sind im Winter 2007/08 explodiert, die Verbraucher schauen sich nach günstigeren Brennstoffen um - Zeit für eine Nachfrage bei unserem Duisburger Kohlenhändler.

Hugo Wietfeld blickt heute deutlich optimistischer in die Zukunft als noch bei unserem letzten Besuch vor rund einem halben Jahr. Die Wintersaison lief - trotz des milden Wetters - "ganz gut". Erstmals seit Jahren ist das Geschäft mit Privatkunden nicht rückläufig, sondern stagniert. Das hat auch mit den gestiegenen Energiekosten zu tun: "Die Leute schauen sich nach Alternativen um. Und Kohle ist nun mal rund 50 Prozent billiger als Strom und Gas", sagt der KFK-Geschäftsführer. Inzwischen liefert er seine Ware im Umkreis von 100 Kilometern aus. Und: Sogar aus Holland fahren Kunden zu ihm auf den Hof und laden ihre Kleinlaster mit Kohle voll. 

"Es ist Bewegung im Markt", freut sich Wietfeld. Er registriert bereits erste Eigentümer im Ruhrgebiet, die ihre Mehrfamilienhäuser auf Kohleheizung umrüsten. Die modernen Zentralöfen stehen heute im Keller, das schmutzige und arbeitsintensive Befeuern in den Wohnungen entfällt. Weil hierzulande kaum noch solche Öfen hergestellt werden, werden die Brennkessel aus Izmir (Türkei) importiert. Erst neulich hat sich bei KFK ein türkischstämmiger Sanitärunternehmer aus Oberhausen gemeldet, der im Keller eines Sechs-Parteien-Wohnhauses einen Showraum für Kohleöfen einrichten will - und einen Kohlenhändler für seine potentiellen Kunden sucht. Es scheint, als ob Wietfelds Durchhaltevermögen sich langsam auszahlt.