Musiktheater - Außen Glas, innen blau

Das MiR ist der ungewöhnlichste Theaterbau Deutschlands.

Meistens ist es ja so, dass viele Köche den Brei verderben. Oder viele Architekten das Haus. Oder viele Künstler das Werk. In diesem Fall ist es anders: Das Gebäude, das wir uns heute angucken, steht in Gelsenkirchen. Es ist das Musiktheater im Revier (kurz: MiR). Ein Haus der Kunst, ein künstlerisches Meisterwerk. Erbaut in den 50er Jahren im Stil des Bauhauses ist es heute ein Denkmal moderner Architektur – und seit 1997 offiziell denkmalgeschützt. 41 Monate Bauzeit, 19 Millionen Mark Baukosten, 1050 Sitzplätze, 4500 qm Glasfassade. Bei der Eröffnung am 15. Dezember 1959 erregte das Bauwerk großes Aufsehen. Und das tut es bis heute.

Das Architektenteam rund um Werner Ruhnau werkelte gemeinsam mit Künstlern wie Yves Klein und Jean Tinguely in einer Hütte direkt auf der Baustelle – dicht am entstehenden Objekt. Gelungen ist ihnen eine interessante Symbiose aus Architektur und bildender Kunst. Im großen Haus dominieren die großformatigen Bilderlandschaften Kleins in dem berühmten „monochromem Blau“. Das kleine Haus schmückt sich mit kinetischer Kunst von Tinguely. Draußen fällt im Eingangsbereich als Erstes ein Betonrelief von Robert Adams in Auge.

Am Eindrucksvollsten wirkt das MiR abends, wenn der Kontrast zwischen dem Dunkel der Nacht und dem erleuchteten Inneren den Glaskubus am besten zur Geltung kommen lässt. Und am Allerschönsten sieht es aus, wenn die Türen des Vorstellungssaals für die Theaterpause geöffnet werden. Denn dann ist das runde, transparente Treppenhaus im Inneren des Glaskubus voller Menschen, die wie ein betriebsamer Ameisenhaufen durch das Haus wuseln.

 

 

Das Gebäude am Kennedyplatz ist ein Solitär inmitten von Durchschnittlichkeit und architektonischer Scheußlichkeiten - und bislang ein Hort der Kreativität. Das Musiktheater im Revier führt Opern auf und Operetten; auch Musicals. Die Inszenierungen sind zumeist gelungen, fast immer frech, modern, entstaubt – und mancher Nachwuchssänger aus dem Revier wurde später für die ganz großen Bühnen entdeckt. Das ist vielleicht manchmal die Tragik von Generalintendant Peter Theiler – wenn seine Sänger Stars werden, verlassen sie das Haus. Und vielleicht auch deshalb möchte Theiler Gelsenkirchen am Ende der Spielzeit vorzeitig verlassen. Also mal hingehen, solange er noch da ist. Im MiR sind schon große Skeptiker zu Opernfans mutiert. Und wem das alles zu viel Kultur ist: Morgen geht‘s wieder um Fußball.