Quadrat-Museum - Ich sehe was, was Du nicht siehst

Ein Künstler, ein Museumsdirektor, Architektur von Weltrang und wieso sich über eine streng geometrische Form trefflich streiten lässt.

Heute sind wir in Bottrop und besuchen das Quadrat. Dabei treffen wir auf drei Herren. Da wäre zunächst

Der Künstler.

Josef Albers. Das Bottroper Museum besteht aus vier gläsernen Ausstellungspavillons. In einem befindet sich seit 1976 das Museum für Ur- und Ortsgeschichte. Der größte (1983 hinzugefügte) Würfelbau beherbergt die größte öffentliche Sammlung von Albers. Den kennen Sie nicht?! Bestimmt. Fast jeder kennt die Briefmarke.

Die Ausstellung seiner Bilder findet in Bottrop statt, weil Josef Albers hier 1888 geboren ist. Er stammt aus kleinen Verhältnissen und wird Lehrer. Was er über sich weiß: Er kann unterrichten und er liebt die Kunst. Und er möchte sich aus der Enge seines dörflich geprägten Heimatortes befreien. Es kostet ihn einige Mühe, aber es wird ihm gelingen. Er wird berühmt. Er verliert dabei sein zu Hause. Die Genugtuung, dass wenigstens seine Bilder in Deutschland eine neue Heimat finden, erlebt er nicht mehr. Er stirbt 1976 in New Haven im US-Staat Connecticut.

Was an Albers fasziniert: Er verfolgt sein Ziel konsequent und lebt seine eigene Maxime des lebenslangen Lernens. Er geht an das Bauhaus nach Weimar (später nach Dessau) und macht sich nichts daraus, mit 32 Jahren der älteste Schüler zu sein. Er holt rasant auf. Bereits nach drei Jahren übernimmt er die Unterrichtung des Grundkurses. Bis 1933 bleibt er dort. Die Nazis finden das, was das Bauhaus treibt, nicht witzig. Avantgarde übersetzen sie mit „entartet“. Es kommt hinzu, dass Albers Frau Anni, eine Textilkünstlerin, Jüdin ist. Die beiden wandern nach Amerika aus. Albers unterrichtet am Black Mountain College in North Carolina, arbeitet für die Elite-Unis Yale und Harvard.

Seine Frau sorgt nach seinem Tod dafür, dass Albers mit dem Quadrat-Museum ein Denkmal gesetzt wird. Und damit auch was in dem Museum drin ist, schenkt sie der Stadt Bottrop 85 Bilder und 250 Grafiken ihres Mannes.

1983 ist Eröffnung. Bundeskanzler Helmut Kohl kommt vorbei und George Bush Senior – lange vorher schon hat der Schauspieler Maximilian Schell in Bottrop vorbeigeschaut, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass das „Memorial“ auch standesgemäß wird. Er ist mit den Albers bekannt, hat Teile der Geschichte von Anni Albers in einem Film verarbeitet.

Von der Prominenz, die das Museum beehrt, erzählt uns stolz auch Heinz Liesbrock, als er uns in seinem Büro empfängt. Er ist

Der Museumsdirektor.

„Preußisch“, sagt er, sei Albers gewesen: „streng“.
Und wie könnte man Liesbrock beschreiben; vor allem – wie steht er zu Albers, dem Künstler, den er in diesem Museum in erster Linie vertreten muss? Sagen wir mal so: Liesbrock ist nicht der spontane Typ. Keiner, der Überraschungsbesuch mag. Als wir ihn aufsuchen, reagiert er erstmal ambivalent, um es vorsichtig zu formulieren. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wissen – denn wir sind ja mal ganz naiv losgeflogen ins Ruhrgebiet (siehe Startseite von Pott2null): Liesbrock ist als Museumschef nicht unumstritten, wird angefeindet. Und mit der Albers Foundation, die in Amerika sitzt und über das Albers-Erbe wacht – und damit auch über sein Wirken - hat er sicherlich keinen einfachen Partner, auch wenn Liesbrock den „ausgezeichneten Austausch“ mit dem amerikanischen Partner betont. Anni Albers ist längst verstorben. Den Nachlass verwaltet ein „Freund der Familie“.

Kleiner Exkurs: Wir wollen eine Freundin zur besagten Stiftung nach Bethany, Conncticut, schicken, damit sie unseren Bericht über das Leben der Albers auf zwei Kontinenten komplettiert. Sie ist eine Kunst- und Architektur-Kennerin. Ihr wird beschieden, die Sammlung sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und ein Bericht nicht erwünscht. Wir sind erstaunt – wieder möchte jemand keinen Besuch, der doch was vorzuzeigen hätte. Und suggeriert nicht die Webseite der Albers Foundation, dass es sich um ein Museum handelt?

Liesbrock hat sich bei unserem Besuch einstweilen „warm geredet“ und erklärt uns Albers Kunst – und wir finden, das muss er auch. Die Didaktik im Quadrat ist äußerst schwach. Eine Unsitte vieler Museen, die moderne Kunst ausstellen und in denen man dem Besucher abverlangt, sich ohne Anleitung auf die Kunst „einzulassen“. Doch ohne Hintergrund ist das oft schwer. Liesbrock liefert ihn uns – und macht das, wie wir finden – recht eindrucksvoll  in diesem Video:


Link: sevenload.com

 

Ob er Träume habe, wollen wir zum Schluss noch wissen? Ohja!, sagt Liesbrock: Eine Ausstellung, die Albers in Bezug setzt zu Paul Cezanne, das wäre ein Traum. Albers habe Anfang des 20. Jahrhunderts eine Art „Erweckungserlebnis“ gehabt, als er Cezannes Kunst für sich entdeckte. Doch dafür, sagt Liesbrock, reichen die Mittel nicht. „Das wird ein Traum bleiben“.

Ja, das liebe Geld. Daran fehlt es hinten und vorne. Auch für einen geplanten Anbau. Wir treffen

Den Architekten.

Bernhard Küppers. Einen ganz und gar erstaunlichen Mann. Er war als Stadtbaumeister von Bottrop tätig. Und hat etwas vollbracht, von dem wir angenommen hätten, dass es sich gegenseitig ausschließt: Küppers war ein kreativer Beamter – oder ein verbeamteter Kreativer.

Er hat das Quadrat-Museum entworfen und die Baumaßnahme durchgezogen. Er hat das mit einer Liebe zum Detail getan, die man dem Gebäude heute noch anmerkt. Küppers, ein Bauhausfan, liebt Mies van der Rohe und hatte als Vorbild den Barcelona-Pavillon von van der Rohe vor Augen, als er ein Konzept für das Quadrat entwarf. „Fließende Räume sollten es werden“, sagt Küppers, „offen für die Kunst und offen für die Natur. Ein gleitender Übergang zwischen drinnen und draußen“.

Selbst den japanischen Garten rund um das Quadrat beziehungsweise die vier Quadrate, aus denen das Museum besteht, plante er akribisch durch, verpasste dem Gelände einen Teich und sanfte Wellen. Das alles wirkt sehr harmonisch, transparent und schwebend. Die Skulpturen im Freigelände sind ein beliebtes Fotomotiv bei Hochzeitspaaren. Soll noch einer sagen, Kunst sei nicht volksnah!

Der Bau wird hochgelobt und kann es nach Ansicht von Kennern mit großen Museen von Weltrang wie der Nationalgalerie in Berlin aufnehmen. Wir finden die Symbiose aus Kunst, Architektur und Natur auch absolut begeisternd.

Küppers, ein bescheiden auftretender Mann, würde es nie so sagen: Aber es ist ihm etwas Großartiges gelungen. Und darum kämpft er gegen die Veränderung der klassischen Schönheit. Und deshalb mögen sich Küppers, der Baumeister, und Liesbrock, der Museumschef, auch nicht. Denn Liesbrock will verändern, Küppers seine Kunst erhalten. Über eine Renovierung gerieten die beiden in Streit. Und es bleibt die interessante Frage, wer über bauliche Veränderungen bestimmen darf. Der Besitzer des Gebäudes oder der Schöpfer? Das ist nicht erst seit dem Krach zwischen dem Architekten Meinhard von Gerkan und dem Chef der Deutschen Bahn Hartmut Mehdorn über das Bahnhofsgebäude in Berlin ein interessantes Thema.

Küppers pocht auf sein Urheberrecht. Und auch, wenn der Anbau des Museums aus Geldmangel erstmal verschoben scheint: Selbst aus dem Ruhestand arbeitet er an einem Entwurf. „Sonst sagen die noch, der Küppers kneift“, grinst er verschmitzt. Und man sieht ihm an, dass er gern nochmal beweisen würde, dass ihm Großartiges gelingen kann.

Nachtrag: Bernhard Küppers ist im Mai 2008 verstorben.