Ruhrtriennale - Kulturelles Kontrastprogramm - oder: Geld macht hässlich

Mario Adorf hat Geburtstag und feiert mit Jürgen Flimm und Werner Müller.

Als ich heute Morgen die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aus dem Briefkasten fische, lese ich auf der Titelseite: „Geld macht hässlich“ (sagt der Schriftsteller Martin Walser im Wirtschaftsteil). Ohne den Inhalt des Artikels zu kennen; spontan habe ich mich an den gestrigen Abend erinnert gefühlt.

Wir waren in Bochum. In der Jahrhunderthalle. Bei der Ruhrtriennale. Dieses Festival gehört zu DEN Kulturereignissen der Region (sagen Kulturfans).

Vor allem aber ist es ein gesellschaftliches Event, bei dem sich die Ruhrgebiets-Elite trifft – oder vielmehr diejenigen, die sich dafür halten. Im Zentrum des ganzen Theaters steht Noch-RAG-Chef Werner Müller (der Konzern benennt sich im Zuge eines geplanten Börsengangs in diesen Tagen um). 

Gestern trat die RAG als Hauptfinanzier des Triennale- Konzertabends mit der Operndiva Edita Gruberová auf, die als stattliche Dreingabe Mario Adorf als Vorleser an die Seite gestellt bekam. Vorweg: Gruberova war sensationell. Herr Adorf hatte offenbar seine Brille vergessen und außerdem Geburtstag, wie sich bei der Premierenfeier herausstellte. Wer Details über das Konzert wissen möchte und mehr erfahren will über weitere interessante Triennale-Abende, der liest hier weiter.

Bevor Adorf aus Andersens Märchen „Die Nachtigall“ vorlas und Gruberova Arien schmetterte, hielt Müller bei einem Empfang im Obergeschoss der Jahrhunderthalle Hof. Und da marschierte sie dann auf; die aktuelle, ganz- oder teilpensionierte Prominenz der Deutschland AG nebst prächtig herausgeputzter Gattinnen – darunter Multi-Aufsichtsrat und mächtiger Ruhrgebietsmann Gerhard Cromme, Ex-RWE-Chef Dietmar Kuhnt und Telekom-Vorstandsmitglied Karl-Gerhard Eick.

Müller positioniert sich in Sachen Kultur gern als großer Gönner und gibt in der PR-Postille „Triennale Aktuell“ zu Protokoll, dass die RAG nicht nur eine Vielfalt kultureller Events fördere, sondern auch „eine der tragenden Säulen der erfolgreichen Bewerbung Essens um die Kulturhauptstadt Europas 2010“ sei. Dieses Gehabe finden die eigentlich ‚tragenden Säulen‘ der Bewerbung übrigens nicht witzig. Aber dazu kommen wir noch; demnächst in einem eigenen Beitrag über die Macher von „2010“.

Fest steht, dass sich Müller mit dem Gruberová-Abend vor allem selbst etwas gegönnt hat – nämlich hochpreisige Weltklasse-Kultur nach seinem Geschmack. „Finanziert wird das hier doch letztlich von uns; den Steuerzahlern“, stellte ein Gast auf dem „Werner-Müller-Festival“ sarkastisch fest.

Der RAG-Boss sonnte sich im Licht der illuminierten Bar und vor allem dem der Gäste; um ihn gruppierte sich eine Entourage, die davon zehrt, einer ‚geschlossenen Gesellschaft‘ anzugehören. Leute, die sich nicht vermischen möchten mit dem gutbürgerlichen Mittelstand, der im Erdgeschoss seine Häppchen selbst bezahlt.

Das dokumentiert schon der äußere Auftritt: auf Anhieb haben wir ohne Mühe zehn Louis Vuitton-Handtaschen gesichtet, acht Cartier-Armreife eines nahezu identischen Modells und die teure Mode von Eickhoff in Düsseldorf identifiziert. Nichts gegen zur Schau gestellten Luxus: Doch kombiniert mit herablassendem Gesichtsausdruck und abschätzigem Abmustern anderer anwesender Gäste machte der uniforme Look die Damen der Gesellschaft nicht in jedem Falle schöner. Zwischenfazit nach fünf Canapees, sieben Gesprächen mit anderen Anwesenden und zwei Gläsern Sekt: Geld macht nicht unbedingt attraktiver.

Offenbar auch Männer nicht. „Ein unangenehmer Machtmensch ist der Müller“, zischt eine anwesende Dame über ihr Schampus-Glas ihrem Gatten zu: „und einfach so hässlich“ – um im nächsten Augenblick beim Defilée vorbei am RAG-Chef ihr Gesicht in den Passbildfotogrinsmodus umzuschalten und in schieres Entzücken zu verfallen, “den lieben Herrn DOKTOR Müller zu sehen.“

Und so begab es sich, dass Mario Adorf nach dem Konzert seinen Geburtstag in diesem interessanten Umfeld feierte. Das hatte er, wie Triennale-Chef Jürgen Flimm enthüllte, offenbar sehenden Auges so entschieden „Ach, ich soll am 8. September auftreten? Da hab ich Geburtstag, da komme ich gern!“, soll er am Telefon gesagt haben.Und das hat uns dann doch sehr überrascht. Da saß er nun mit den Herren Müller, Cromme, Eick, Flimm und Fritz Pleitgen

und machte in Business und Großer Bellheim. Wir wären jede Wette eingegangen, dass Adorf an so einem Tag zu Hause eine Flasche Rotwein aufmacht und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt - oder alternativ bei einem In-Italiener eine Party schmeißt, bei der Hannelore Elsner auftaucht, ihm das Hemd aufreißt und ihm sagt, dass er auch mit 77 Jahren noch total sexy aussieht. Immerhin: Er war von Autogramm-Jägerinnen umlagert. Wir sagen: Herzlichen Glückwunsch.