Scherenschnitt - In der Welt des Filigranen

Eine junge Künstlerin aus Schwerte belebt die alte Kunst des Scherenschnitts.

Eine Schere hat mitten / in das Papier hineingeschnitten.
Erst gerade, dann krumm, /  dann so herum.
Jetzt hier um die Ecke, dann dort im Bogen, / so ist sie ihres Wegs gezogen.
So hat sie ihren Weg genommen. / Und was ist dabei herausgekommen?
Ja, was war das Ende vom ganzen Spiel? / Das Fräulein Heidi im Profil.

An das Gedicht "Der Scherenschnitt" von Josef Guggenmos musste ich sofort denken, als ich bei unserem Besuch bei Heimatdesign in Dortmund diese Scherenschnittarbeit sah: ein beleuchteter Kasten mit einem Bambi. Das Objekt gefiel mir so gut, dass ich gerne die Macherin kennenlernen wollte.

Und deshalb sind wir heute in Schwerte, auf dem Gelände der alten Rohrmeisterei und besuchen Jessica Maria Toliver. Die 30-Jährige bereitet gerade die Ausstellung "Such den Mops auf drei Etagen" vor. In ihrem kleinen Atelier liegen und hängen zahlreiche Entwürfe für eine Kindertapete, Notizbücher und Fotoalben herum. Da sind Skizzen zu einer Straßenzirkusszene mit einem Bären und einem Äffchen, da sind ein Junge und ein Mädchen aus der Rokoko-Zeit, von der Decke baumelt ein Blumenmotiv.

Wie kommt man darauf, heute als junge Künstlerin mit so einer alten Technik zu arbeiten? „Ich weiß, früher zu Biedermeierzeiten war das eine klassische Hausfrauenbeschäftigung“, lacht Toliver. Aber als sie vor einiger Zeit einen schmalen Band über historische Scherenschnitte geschenkt bekam, da hat sie es einfach ausprobiert und die Arbeiten gefielen ihr („Es muss im Bauch stimmen“) – und ihren Kunden. Die Autodidaktin, die nach dem Abitur als Bühnen- und Kostümbildnerin am Theater Dortmund arbeitete, hat mit dem Scherenschnitt „ihren roten Faden“ gefunden. Sie hat sich auf Einrichtungsgegenstände wie Tische, Tapeten, Bilder oder Paravants spezialisiert.

Diese Kunst kommt ursprünglich aus Asien, wahrscheinlich aus China, wo der Scherenschnitt eine der ältesten Volkskünste war. In Europa ist er seit dem 17. Jahrhundert bekannt und erfuhr seine Blüte mit der Porträtsilhouette zu Zeiten von Johann Wolfgang von Goethe. Heute gibt es einige zeitgenössische Künstler, die den Schattenriss ausüben. Die bekannteste ist sicherlich die Afroamerikanerin Kara Walker, die in ihren Arbeiten die Sklaverei thematisiert.

Kara Walker ist für Toliver „eine Göttin“: „Da will ich hin.“ Im Moment probiert sie noch vieles aus. Mit dem Schwerter Lichtkünstler Jörg Rost arbeitet sie an einem Projekt, wo sie Scherenschnitte aus der Welt des Tanzes für die Außenbeleuchtung verwendet. Mit der Elektrofirma Insta zusammen bastelt Toliver an einem Außenlichtkonzept für ein Dax-Unternehmen. Sie macht Auftragsarbeiten für Privatkunden und ersinnt neue Tapeten mit Scherenschnitt-Ornamenten. Und was würde sie ganz besonders reizen? „Ich fände es spannend, ein Bordell einzurichten“, sagt Toliver.

Die Ausstellung von Jessica Maria Toliver ist vom 20. Oktober bis 3. November 2007 im Haus Eickhoff, Hüsingstraße 5 in Schwerte zu sehen.