Zeche Zollern - Sonntagsauflug in eine Kathedrale der Arbeit

Ein Tag mit Anna, Bruno, Paul und dem Industriedenkmal Nummer Eins. 

Weil heute Sonntag ist und das Wetter schön, fahren wir nach Dortmund-Bövinghausen zur Zeche Zollern II/IV. Sie liegt auf der Route Industriekultur. Die kennt doch jeder! Werden viele jetzt sagen. Aber – jetzt mal ehrlich – wie lange ist es denn her, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, Euch ein Stückchen mit dem Auto an ihr entlang zu hangeln, euch treiben zu lassen und die Industriedenkmäler (neu) zu entdecken? Und für alle, für die die Route Neuland ist - lassen wir erstmal Bilder sprechen - und unten geht es weiter im Text:

Zollern haben wir uns als Beispiel ausgesucht, weil die 1898 entworfene und 1904 von der GBAG in Betrieb genommene Zeche 1969 als erstes Industriebauwerk Deutschlands unter Denkmalschutz gestellt wurde und weil die architektonische Mischung aus Historismus und Jugendstil ein interessantes optisches Spannungsfeld verspricht. Wir hoffen, die Fotos geben den Eindruck annähernd wieder. Denn die Architektur ist atemberaubend. Verwaltungsgebäude und Lohnhalle, entworfen vom Baumeister Paul Knobbe in einer Art hanseatischer Backstein-Gotik mit barocken Elementen sind eindrucksvoll und einschüchternd zugleich.

Krönung des Ensembles ist in der Tat die oft fotografierte Maschinenhalle im Jugendstil, erdacht vom ebenfalls aus Berlin stammenden Architekten Bruno Möhring. Es lohnt sich übrigens, seine Biografie mal ein bisschen zu studieren.

Das elliptische Eingangstor der monumentalen Halle hatte übrigens früher noch eine Überdachung, die sich mit kühnem Schwung wie schwer getuschte Wimpern von Stummfilmstar Asta Nielsen nach oben warf, was dem ganzen eine Art ‚Kur-Muschel‘-Anmutung gab. Leider (oder Gott-sei-Dank) ist diese inzwischen weg. Die Fördertürme hatte man übrigens in den 60er Jahren nach dem Niedergang der Zeche abgerissen und als Zollern dann doch noch ein Denkmal wurde, beschaffte man aus Gelsenkirchen und Herne zwei ähnliche Gerüste, um das Ensemble wieder zu komplettieren. (weiterlesen nach den Bildern!)

Die Ausstellungen verklären das Leben als Bergmann manchmal ein bisschen; etwas zu viel Bergarbeiterromantik zwischen Zechenfußball- und Gesangvereinen. Aber die Museumsführungen beschönigen nichts. So gab es, wie uns eine Führerin erklärt, auf dem Gelände auch eine Leichenhalle. Denn wenn ein Familienvater verstarb, war zu Hause kein Platz, um ihn aufzubahren. Familien mit 14 Kindern waren die Regel, nicht die Ausnahme und die freien Betten im kleinen Häuschen wurden oft noch an Kostgänger untervermietet und im Schichtbetrieb geschlafen!

Da war kein Platz für eine Leiche. Eine andere Besonderheit, die makaber kuriose Folgen hatte, war übrigens die Unterscheidung der Bergwerksbetreiber zwischen ‚tödlichem Arbeitsunfall‘ und einem ‚Arbeitsunfall mit Todesfolge‘. Im letzteren Fall musste die Witwenkasse nicht zahlen; so dass selbst in offenkundig rettungslosen Fällen von der Werksleitung ein Krankenwagen gerufen wurde, um den Bergmann schnellstmöglich vom Gelände zu bringen, damit er außerhalb verstarb. Und so kam es auch, dass Kumpel ihre sterbenden Kameraden im Stollen liegenließen (vor allem dann, WENN sie mit dem Kameraden gut befreundet waren), um sicherzustellen, dass die Familie im Todesfall versorgt ist und der Bergmann auch garantiert auf dem Gelände verstirbt. Angeblich gab es im Jahr übrigens nur drei bis fünf Tote, was einem relativ wenig erscheint. Aber bevor das hier ein Totensonntag wird: Zurück ins Leben.

Kinder fühlen sich pudelwohl auf dem Zechengelände: Dafür sorgt viel Platz zum Herumrennen, ein Restaurant namens Pferdestall mit großen Eisbechern, die Tatsache, dass man auf einen der Türme kraxeln darf und vor allem Anna, die alte Dampflok, die gemeinsam mit ihrem Führer ein bisschen an Emma und Lukas den Lokomotivführer erinnert. Also hinfahren! Zeche gucken! Eis essen! Viel Spaß!