Alu Unna - Der Unternehmer mit IG-Metall-Buch

Wie ein Betriebsratsvorsitzender seine Firma vor der Schließung rettete – eine Geschichte in bislang vier Akten.

Heute sind wir in Unna und besuchen Thomas Wiese. Einen etwas anderen Unternehmer. Einer, der sich richtig was getraut hat. Als sein Arbeitgeber Alu Unna vor sieben Jahren vor dem Aus stand, hat der gelernte Betriebsschlosser die hoch-defizitäre Firma für eine Mark gekauft - und die Seiten gewechselt: Vom Betriebsratsvorsitzenden zum Vorstandsmitglied und mit 72,1 Prozent der Anteile zum Mehrheitseigentümer des Unternehmens.

Wie Wiese so in brauner Kordhose und cremefarbener Weste in seinem kleinen Eckbüro sitzt, würde keiner auf die Idee kommen, dass es sich hier um einen erfolgreichen Manager handelt. Er hat Alu Unna, ein Unternehmen mit heute 74,3 Millionen Umsatz und 350 Mitarbeitern, saniert. Doch in Habitus und Wortwahl erinnert er eher an den engagierten Arbeitnehmervertreter, der er bis Ende 1999 auch war. Wiese, der 1983 als 17-Jähriger bei der Firma anfing und jeden Beschäftigten und dessen Familie kennt, fühlt sich seinen Leuten im Werk deutlich näher als den örtlichen Arbeitgeberkollegen.

Ein Unternehmer mit IG-Metall-Buch - ohne dessen Mut und Tatkraft es Alu Unna nicht mehr gäbe. Wer seine Geschichte in vier Akten wissen möchte, der liest unten weiter. Wer erfahren möchte, was Wiese für gute Unternehmensführung hält und was er über Politiker denkt, klickt auf den roten Button - los geht's:


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Akt 1: Der Macher

Das Datum stand schon fest: Am 14. Januar 2000 sollte das traditionsreiche Unternehmen geschlossen werden, 246 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Der damalige Eigentümer, die österreichische AMAG, fand keinen Käufer für das seit zehn Jahren verlusteschreibende Alu-Werk. Auch das Management, das zunächst monatelang über einen Kauf verhandelte, sagte schließlich ab. Da kam die Stunde von Thomas Wiese: „Als Aufsichtsratsmitglied wusste ich, was in dem Betrieb drinsteckt und glaubte an seine Zukunft. Also hieß es Ärmel hochkrempeln und machen, machen, machen.“

In seiner weitverzweigten Familie mobilisierte der gebürtige Unnaer eine Million Mark Eigenkapital. Mit seinen Kollegen der örtlichen IG Metall erstellte er ein Sanierungskonzept: Die Belegschaft verzichtete für zwei Jahre auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie anstehende Tariferhöhungen und arbeitete länger. Im Gegenzug sollten die Mitarbeiter 25,1 Prozent der Anteile erhalten. Mit diesem Paket überzeugte Wiese die Banken und die AMAG – und übernahm zum 1. Januar 2000 Alu Unna für eine Mark und mit 20 Millionen Mark Schulden. „Um so etwas zu machen, baucht man schon ein Schuss Naivität“, sagt Wiese heute rückblickend.

Akt 2: Der Sanierer

Wiese legte einfach los. Schnell konzentrierten er und seine beiden Vorstandskollegen das Geschäft wieder auf die Kernkompetenz: das Herstellen von Aluminium-Rohren. Die hochspezialisierten Teile werden in der Luft- und Raumfahrt sowie im Maschinenbau eingesetzt. So stammen etwa die Treibstoffleitungen der Ariane-Rakete (Foto) aus Unna. „Wir hatten damals Glück, weil der Markt sofort abging“, sagt Wiese – und dem Schlosser gelang, was der AMAG-Konzern jahrelang nicht schaffte: Er brachte den Betrieb schon nach drei Monaten wieder in die schwarzen Zahlen.

Er investierte in den Standort, baute neue Werkshallen - und ließ sich auch nicht von der Deutschen Bank entmutigen, die sich nicht an ihre fest versprochene Kreditzusage hielt. „Es war keine leichte Zeit, ich habe ja keine kaufmännische Ausbildung und musste mir alles hart erarbeiten“, sagt Wiese.

Akt 3: Der Fast-Aussteiger

Jetzt war der Vater von vier Töchtern erfolgreicher Unternehmer - doch das wollte er eigentlich nie sein. Er hatte eine ganz andere Lebensplanung: Mit 40 Jahren wollte er aus dem Betrieb aussteigen, seinen Vogelpark ausbauen und eine Tierzucht mit dänischen Rindern betreiben. Und damit meinte er es ernst: Im Herbst 2005 suchte er Käufer für seine Anteile – und brachte damit „erhebliche Unruhe in die Belegschaft“, erinnert sich Karl Römer, der heutige Betriebsratsvorsitzende von Alu Unna. Wiese verhandelte mit mehreren Investoren, darunter auch Private-Equity-Gesellschaften, doch die wollten auch die Anteile der Belegschaft kaufen. Die wiederum stimmte gegen den Verkauf. Und so blieb vorerst alles beim Alten: Wiese behält sein Aktienpaket und hat seinen Vertrag bis 2013 verlängert. „Darüber sind alle hier sehr froh“, sagt Römer.

Und Wiese selbst? Der findet es auch „in Ordnung, wie es jetzt ist“ – aber vertritt immer noch die Meinung, dass „andere Leute dem Unternehmen in der jetzigen Wachstumsphase besser weiterhelfen könnten.“ So viel Einsicht findet man bei seinen Managerkollegen selten. Aber Wiese ist eben ein etwas anderer Unternehmer - und hat, nach seiner Entscheidung zu bleiben, mit Alu Unna noch einiges vor.   

Nachtrag  23.06.2008: 

Akt 4: Der Käufer 

Schon bei unserem Besuch im Herbst 2007 berichtete Wiese von vollen Auftragsbüchern und extrem langen Lieferzeiten, die bei bestimmten Maschinen bis weit ins Jahr 2010 liegen. "Wir mussten dringend unsere Kapazitäten erweitern", sagt er heute - und erzählt von seinem Ausflug in die Welt der Mergers & Acquisitions: Zum 1. Januar 2008 kaufte Alu Unna den britischen Wettbewerber BA Tubes Limited  mit einem Umsatz von 20 Millionen Euro zu einem nicht genannten Kaufpreis - und hat nun drei zusätzliche Pressanlagen. Ganz ohne Hilfe von M&A-Experten fädelte Wiese zusammen mit zwei Führungskräften den Deal ein. Die beiden Firmen hatten bereits 2002/03 über eine Fusion ergebnislos verhandelt. "Dieses Mal waren wir uns innerhalb von ein paar Tagen mit den Briten einig", so der Unnaer - und fügt hinzu: "Ich mit meinem Schulenglisch, das war alles ganz schön aufreibend".   

Die Ziele sind jetzt hoch gesteckt: Europäischer Marktführer wollen die Nordrhein-Westfalen werden. Und dafür wird auch am Standort Unna kräftig investiert, wo gerade eine neue Halle für 2,5 Millionen Euro gebaut wird. Das Geschäft läuft rund: Im vergangenen Jahr erzielte der Mittelständler 90 Millionen Umsatz und rund fünf Millionen Euro Gewinn. Und die Mitarbeiter profitieren von dem Erfolg als Aktionäre: Jeder erhält im Durchschnitt 4500 Euro an Dividende. "Wir sind hier alle megazufrieden", sagt Wiese - und freut sich über das viele Lob, das Alu Unna derzeit von allen Seiten erhält. "Was will man mehr", meint der Unternehmer, der vor acht Jahren die Seiten gewechselt hat.