Adolf Winkelmann - "Es fehlt hier das Frische"

Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann über seinen Contergan-Film "Eine einzige Tablette" und die Zukunft des Ruhrgebiets.

Heute sind wir in Dortmund-Hörde und besuchen einen, der das Ruhrgebiet richtig gut kennt. Einen, der in den Achtziger und Neunziger Jahren Filme über das Revier gedreht hat. Einen, der heute sagt: „Das Ruhrgebiet, das gibt es nicht mehr.“ 

Wir treffen Adolf Winkelmann. Der Regisseur empfängt uns im gepflegten Garten seines Einfamilienhauses. Er genießt die letzten Sonnenstrahlen – und die Ruhe vor dem Sturm. Der 61-Jährige startet gerade die Promotion-Tour für seinen neusten Film „Eine einzige Tablette“, der von einer Familie mit einem Contergan-geschädigten Kind handelt. Das Schlafmittel Contergan hatte in den Sechziger Jahren zu starken Missbildungen bei Tausenden von Neugeborenen geführt. Vergangene Woche hat Winkelmann den WDR-Zweiteiler in Hamburg und Berlin der Presse vorgestellt. Es folgen weitere Termine in Leipzig, Dresden, Frankfurt, München und Köln. 

Winkelmanns Film ist juristisch hart umkämpft. Die Pharmafirma Grünenthal, die Contergan 1957 auf den Markt brachte, sowie ein Anwalt, der sich in einer Person in dem Film wiedererkannt haben will, haben gegen die Ausstrahlung geklagt. 23 Verfahren haben sie angestrengt. Einer der Vorwürfe des Unternehmens lautet, dass der Filmemacher historische Realität und Fiktion "in unzulässiger Weise" vermische. Winkelmann pocht auf die Kunstfreiheit und betont: „Man sieht dem Film an, dass es sich um einen in der Wolle gefärbten, sortenreinen Spielfilm handelt.“ Anfang September hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass der Film am 7./8. November im ARD-Programm ausgestrahlt werden darf. Doch Winkelmann glaubt „es erst, wenn der Film wirklich gesendet ist.“

Nach dem ganzen Ärger mit dem Contergan-Film wäre es da nicht interessant, mal wieder einen Film über das Ruhrgebiet zu drehen? Sein letzter Pott-Film liegt immerhin 14 Jahre zurück. In „Die Nordkurve“ beschrieb der Dortmunder 24 Stunden Fußballalltag bei einem Heimspiel des fiktiven Revierclubs Union. Inzwischen hat es angefangen zu regnen, wir sitzen in seinem großen Büro im ersten Stock - und Winkelmann antwortet erst nach einigem Nachdenken auf unsere Frage. Nein, das wäre es nicht - und liefert die Begründung: „Ich finde hier nicht mehr das Frische, das mich interessiert.“

Das Ruhrgebiet, das er in seinen alten Filmen porträtiert habe, „das gibt es nicht mehr“. In dem 1979 gedrehten Film „Die Abfahrer“ erzählt Winkelmann die Geschichte der drei Arbeitslosen Atze, Lutz und Sulli aus Dortmund, in „Jede Menge Kohle“ aus den Jahren 1980/81 bricht der Bergmann Katlewski aus seinem bisherigen harten Leben aus und will das schnelle Geld machen.

Die Zeiten der Zechen und Hüttenwerke sind endgültig vorbei, die Zukunft des Ruhrgebiets sieht der langjährige Professor für Film an der Fachhochschule Dortmund düster. Auch ein Event wie die Kulturhauptstadt 2010 wird es nicht mehr richten. Diese Veranstaltung „ist eigentlich ein Abgesang, eine Beerdigungsveranstaltung.“ Wer wissen will, was Winkelmann über die Kulturmanager des Reviers denkt und warum er umgebaute Fabrikhallen nicht mehr sehen kann, der klickt auf den roten Button: 


Link: sevenload.com

(Die Filmausschnitte wurden mit freundlicher Genehmigung von Adolf Winkelmann verwendet.)

Ein weiterer Pott-Film ist also nicht in Arbeit. An welchem Projekt arbeitet Winkelmann denn dann? Ein Thriller wie „Der letzte Kurier“ oder ein Familienfilm wie „Engelchen flieg“? Das will der Regisseur zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Er verrät nur so viel: „Es könnte ein Kinderfilm werden.“