Tag 47 - "Bild im Kopf"

Der evangelische Pfarrer Rainer Gertzen über das Leben und seine Arbeit in Essen-Katernberg.

Kein Beitrag auf pott2null ist so kontrovers diskutiert worden wie unsere Momentaufnahme in Essen-Katernberg. Liegt dort wirklich das „Tal der fliegenden Messer“ und kann man sich nachts nicht auf die Straße trauen? Oder ist es ein Stadtteil mit Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität, wo aber auch viel passiert, um den Alltag der rund 23 000 Einwohnern zu verbessern?

Wir machen uns nochmals auf in den Essener Norden - und besuchen einen, der es wissen muss. Rainer Gertzen wohnt mittendrin in Katernberg, in einem roten Backsteinhaus in der Nähe des Marktplatzes. Er kennt seit 2002 den Stadtteil „mit besonderem Erneuerungsbedarf“, wie es offiziell heißt. Seit rund zweieinhalb Jahren hat er eine der drei Pfarrstellen der Evangelischen Kirchengemeinde Katernberg inne und ist für die Kirche am Markt verantwortlich. Die Evangelische Kirchengemeinde ist einer der Träger des Stadtteilprojekts und engagiert sich sehr stark, u.a. mit zwei Kindergärten, zwei Jugendhäusern, dem Stadtteilzentrum Kon-takt und zahlreichen Gruppen für Ältere, Frauen oder Kinder.

Der Theologe hat die Debatte auf unserer Seite verfolgt und meint, dass es in der Öffentlichkeit ein „Bild im Kopf“ über Katernberg gebe, das nicht der Wirklichkeit entspreche. Er beispielsweise habe hier abends oder nachts auf den Straßen keine Angst. Gertzen will beim Thema Kriminalität nichts beschönigen, es komme schon mal zu einer Messerstecherei im Bus oder es prallen bestimmte Szenen aufeinander. Aber er verweist auf vorbildliche Präventionsprojekte der örtlichen Polizei. So arbeitet diese etwa eng mit dem Imam der türkischen Ayasofya-Moschee zusammen. Seit dieser Kooperation ist die Jugendkriminalität im Stadtteil deutlich gesunken. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte den Artikel „Eine ungewöhnliche Partnerschaft“ einer Kollegin der Deutschen Welle lesen.

Gertzen sieht die Dinge in Katernberg auf „einem guten Weg“: „Hier ist in den vergangenen 15 Jahren viel passiert.“ Gerade im Rahmen des Stadtteilprojekts arbeiten die unterschiedlichsten Gruppen und Initiativen zusammen – und bieten etwa Hausaufgabenhilfe, Schuldnerberatung, Elternschulungen oder eine Kleiderkammer an. Doch er meint auch: „Hier muss man immer am Ball bleiben und investieren, sonst kann sich das wieder drehen.“

In seiner Arbeit setzt der Theologe auf Begegnungen: „Wer sich mit anderen Menschen trifft, der verändert seine Sichtweise auf diese.“ Das Gemeindezentrum teilt sich mit Kon-takt ein Gebäude, im Café begegnen sich Gemeindemitglieder, türkische Frauen und Ratsuchende zu Kaffee und Kuchen. Er selber pflegt den interreligiösen Dialog mit seinen muslimischen Kollegen. Zusammen mit dem Imam und dem katholischen Pfarrer veranstaltet er an der städtischen Grundschule in der Viktoriastraße Schulgottesdienste. Oder am Tag des Dialogs im Oktober trafen sich Katernberger aus allen Altersgruppen sowie verschiedener Nationalitäten zum Gespräch. „Es sind die kleinen Schritte, die etwas bewegen“, glaubt Gertzen.

Der engagierte Pfarrer sieht viel Elend und soziale Verwahrlosung in seiner Gemeinde, doch - anders als der Stern-Journalist Walter Wüllenweber in seinem Beitrag „Das wahre Elend“ über Essen-Katernberg – ist er nicht der Auffassung, dass die Armen ausreichend Geld haben und es ihnen nur an Bildung fehlt: „Einfach hier mal einfliegen und berichten, das wird der Situation vor Ort nicht gerecht.“ Nur wer genügend Geld habe, so Gertzen, investiere auch in die Bildung seiner Kinder. Als Pfarrer geht es ihm aber auch darum, gegen die geistige Verarmung im Stadtteil anzukämpfen: "Als Kirche haben wir den Auftrag, dem Leben dieser Menschen wieder eine geistliche oder religiöse Dimension zu geben."  

Kommentare:

weltkind schreibt am 25.01.2008 16:48:

Dann wuensche ich gute Besserung und freue mich darauf, dass es weiter geht. Unsere liebe Klaudia turnt ja derzeit durch Thailand und Kambodscha ;-).

liebe gruesse

vom weltkind.

Annette schreibt am 25.01.2008 12:00:

Liebes Weltkind,

ja die Winterpause dauert jetzt schon etwas lange. Doch wir waren ausgiebig im Urlaub - und sind dann nach unserer Rückkehr beide an einer hartnäckigen Grippe erkrankt. Es geht aber bald weiter.

Viele Grüße
Annette

weltkind schreibt am 25.01.2008 11:25:

@liebe potteusen: fuehrt ihr dieses blog weiter oder habt ihr aufgegeben? waere echt schade.

@lieber katernberger: dein lokalpatriotismus in ehren. obwohl - so ganz verstehe ich nicht, was man an katernberg derart heiss lieben kann. wie man dort freiwillig wohnen kann, erschliesst sich mir nicht.

dann: der revierpark liegt teils auf essener, teils auf gelsenkirchener gelaende. genutzt wird er eher von essenern, vor allem von den netten libanesen aus dem ghetto. libanesen-clans aus essen-katernberg liefern sich gerne massenpruegeleien im schoenen revierpark. nach 18 traut sich da kein deutscher mehr hin.

die trabrennbahn ist tatsaechlich echt gelsenkirchen. das gros der "haendler", die gerne auch mal hehler sein duerfen, kommt allerdings aus katernberg. vor allem russen aus dem annington-ghetto direkt an der strassenbahnhaltestelle nienhauser busch und roma, die vorrangig im bereich maybuschhof ihre zelte aufgeschlagen haben.

und was hinter den kulissen der zahlreichen callshops, aus denen gerne agressive arabische laute dringen, so abgeht - also, wissen moechte ich es nicht.

ganz traurig fuer mich auch die jugendlichen elendsgestalten auf dem gelaende der sonderschule, von der strasse aus gut einsehbar, wie im zoo. da entsorgt die stadt essen ihre bildungsopfer mit und ohne migrationshintergrund. katernberg ist essens schande und die schicke school of design and management ein schlag ins gesicht seiner bewohner. uebrigens; ich bin gebuertige essenerin, gelsenirchen ist jenseits der feldmark mindestens genauso schlimm wie katernberg.

Schweers schreibt am 21.01.2008 15:32:

also auch hier verstehe ich das nicht ganz...
Wird hier nun über Katernberg geschrieben, oder über Stadtteile und Einrichtungen von Gelsenkirchen???

1: Revierpark ist in GE !!
2: Trabrennbahn ist in GE !!

Alle Menschen die da hingehen kommen aus Katernberg??? Ein bisschen einfach gedacht!!!

Klar gibt es hier auch ne Schlägerei und da eine Messerstechere, aber die gibt es überall auf der Welt, in jeder Stadt, das aufkommen ist nicht höher als sonstwo. Klar kann man GE Feldmark nicht mit Katernberg vergleichen, das sagen schon die Häuserfronten aus. Hier ist nun mal alles von Zollverein gebaut worden und nicht von den Besitzer selber.
Ihr solltet bei euren Komentaren mal auch in Katernberg bleiben, ansonsten sollte man das hier mal in Gelsenkirchen umbenennen, denn das mies, das hier geschrieben steht ist zu 80% aus Gelsenkirchen!!!

weltkind schreibt am 05.12.2007 19:22:

was wohl dieser imam hier in einem duesteren katernberger hinterhof von den integrationsbemuehungen der katernberger polizei und seines "kollegen" (dessen arbeit aller ehren wert ist, by the way) haelt: http://www.derwesten.de/nachrichten....news-8755751/detail.html. der haelt es weniger mit deutschen ordnungshuetern, sondern mit der altkommunistischen und vom verfassungsschutz beobachteten mlpd ;-). ja, ja, katernberg ist wirklich multi kulti....

Annette schreibt am 01.12.2007 18:44:

@ Weltkind

Also ich denke nicht, dass Rainer Gertzen ein weltfremder Pfarrer ist - sondern mitten im Leben in Katernberg steht und, anders als viele dort aktive Sozialarbeiter, auch mittendrin wohnt. Schon allein dadurch bekommt er mit, was da alles abläuft.

Zudem hat er und die Evangelische Kirchengemeinde nicht nur Kontakt zu "älteren deutschen Arbeitslosen und Rentern", sondern die Gemeinde ist Träger von zwei offenen Jugendhäusern, wo sich Jugendliche aller Nationalitäten treffen. Das Jugendhaus Neuhof beispielsweise hat sich zum Treffpunkt für muslimische Jungen entwickelt. Hier wird nicht im Lutherschen Sinne missioniert, sondern ideologiefreie Jugendarbeit geleistet.

Es gibt auch noch andere Kenner der Katernberger Szene, die die Situation anders beurteilen als Du. So findet etwa Karin Neuhaus vom Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit, dass in Katernberg in letzter Zeit "viele positive Entwicklungsschübe" erkennbar seien.

Ebenfalls einen schönen Sonntag an das Weltkind !!! Und wir finden Deine Beiträge nie zu lang.

weltkind schreibt am 01.12.2007 12:14:

den pfarrer finde ich irgendwie ruehrend. nur - das gross derer, die probleme machen, wird von der sogenannten "stadtteilarbeit" gar nicht erfasst, da sie dort a) nicht hingehen (es besteht ja kein zwang dazu), b) mit kirche null, komma nix am hut haben: ein muslim oder ein russischer emigrant geht nicht zur evangelischen kirche. die, die es doch tun, sind leute, die eh in solchen gruppen engagiert sind. die anderen kriegt man da nicht hin.

und die vielen, vielen roma, die rund um den katernberger markt das problem nummer 1 sind, sind in der regel von hause aus katholisch. die evangelische gemeinde ist vor allem - sehr, sehr wichtig - zuflucht fuer die uebrig gebliebenen deutschen senioren, die sich in katernberg mittlweile voellig verschuechtert kaum mehr aus dem haus trauen, aus angst, beraubt zu werden.

konflikte werden zwischen den clans geregelt, nicht unter zuhilfenahme eine pfarrers, der von ausswaerts hier installiert wurde. den nehmen die gar nicht ernst.

einen weltfremden kirchenmann als beleg dafuer anzugeben, wie harmlos und auf welch "gutem weg" hier alles sei, ist mehr als naiv. mit martin luther gegen die probleme in katernberg?

ich habe dort gewohnt, wohne heute direkt jenseits der "grenze" in gelsenkirchen-feldmark, wo die lage anders ist. fakt ist: die beste wohngegend von gelsenkirchen-mitte grenzt an eine der schlimmsten des essener nordens. oft gehe ich diese strecke zu fuss. ab hanielstrasse taucht der wanderer in eine mit haenden greifbare andere welt. in eine welt mit eigenen regeln ausserhalb der "mehrheitsgesellschaft". wer das verleugnet, lebt im wolkenkuckucksheim.

dass die menschen hier geld in "bildung" investieren wuerden, ist unfug: vom erhoehten kindergeld wird dann ein plasmabildschirm gekauft, fuers "image"......

by the way: fuer "bildung" braucht man kein geld: in katernberg gibt es eine stadtteilbibliothek. wie viele der dorfbewohner haben dort wohl einen leseausweis? und die aelteren migranten aus russland gehen gerne in den nahe gelegenen revierpark - zum kostenlosen schachspielen, ein russischer volkssport. ihre enkel sitzen auf dem flohmarkt an der trabrennbahn und verticken hehlerware. ob sie sich vom gewinn die tischreden von martin luther in der meyerschen kaufen?

alles in allem: die stadtteilarbeit in katernberg vor allem der evangelischen kirche ist klasse. nur - nutzen tun sie vor allem aeltere deutsche arbeitslose und rentner, die sich noch nicht ganz aufgegeben haben. und der erfolg dieser einrichtungen geht nicht auf das konto eines pfarrers, sondern der engagierten frauen (es sind immer frauen) in der gemeinde vor ort.

war mal wieder viel zu lang, ich weiss. aber die sonntagsreden zu diesem thema gehen mir sowas von auf den keks. und ein schoenes wochenende fuer die potteusen ;-).

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